Eintrag 3: Der Park

Eintrag 3: Der Park

Shakespeareplatz, Mulia mit BankDas geschah in diesem kleinen Park im Münchener Stadtteil Bogenhausen, dem Shakespeareplatz, worin eine steinerne Julia aufgestellt ist und ein Brunnen, in dem eine Frau umgeben von Wasser eine Schale Austern trägt.

Ich sass auf einer Bank.

Ich beobachtete die einzigen Anwesenden außer mir, eine dunkelhaarige Frau, die einen leeren Kinderwagen schob, um die herum 2 blonde Mädchen, 8 bis 10 Jahre alt, tanzten.

Das war kein koordinierter Tanz. Aber sie sprangen und hüpften, versuchten sich zu fangen, wichen sich aus, um den Spaziergang der Frau mit dem Kinderwagen herum, mit dem sie den Weg entlang schritten und es wirkte mehr wie Tanz als das Herumtollen von Kindern, weil sie sich sehr elegant und leichtfüssig dabei bewegten.

Dadurch erklang in meinem Kopf Musik, das Finale von Mahlers 4.Sinfonie. Die beiden Mädchen, so nahm ich es wahr, genossen "die himmlischen Freuden".

Das war mir sehr angenehm, denn ehe ich die Frau mit den Kindern entdeckt hatte, war alles auf eine merkwürdige Art dunkel gewesen, obwohl es Nachmittag war und die Sonne schien. Mein Gehirn hatte sich angefühlt als würde es irgendwie ohne Wärmezufuhr kochen.

So sehr ich mich auch komzentrierte, gelang es mir nicht, in diesem Gehirn eine Ordnung zu finden.

Ich wusste, ich war in München und hatte diesen Park gezielt aufgesucht weil die Figuren ihm ein besonderes Flair verleihen.

Ich wusste, ich war erst seit kurzem nach München zurück gekehrt.

Aber was ich nicht mehr wusste, war, wo ich unmittelbar davor war, aus welcher Stadt ich nach München zurück kam.

Die chronologische Reihenfolge der Ereigisse in den vielleicht 2 Jahren davor bekam ich nicht mehr zusammen.

Sie hatten an mehreren weit auseinanderliegenden Orten stattgefunden, in Berlin, Amsterdam, Paris, Los Angeles, New York, Rom, Malaysia, Neuseeland, Jordanien, Ägypten, Marokko…

Es fühlte sich an, als sei ich an allen gleichzeitig gewesen. Der Versuch, zu separieren kostete fast übermenschliche Anstrengung. Ich löschte eine Stadt, ein Land nach dem anderen aus. Ich versuchte das letzte herauszukristalliesieren, was mit nicht gelang, also ließ ich los und erlaubte dem stärksten, mich anzufüllen.

In der Dunkelheit des Parks unter der Sonne schmolzen vor allem 2 Erinnerungen ineinander, die ich besonders intensiv spührte, als seien sie Gegenwart, und deren Bilder besonders klar die Sicht meines inneren Auges ausfüllten.

In der einen sass ich etwa gegen Mitternacht unter dem Santa Monica Pier. Die Kanadierin, mit der zusammen ich die Tage zuvor noch Hollywood-Boulevard und Mulholland Drive auskundschaftete, war nachmittags nach Montreal aufgebrochen. Das Meer schlug gegen die Holzbalken und das hörte sich an wie der Bruch des Wassers in einer Höhle. Das Gewirr der Stimmen und der Klang des Treibens der Menschen wirkte sich wie ein feines Netz, ein Spinnennetz etwa, in das Schlagen und Rauschen der brechenden Wellen.

Es geschah vieles direkt über meinem Kopf, das Santa Monica Pier ist ein beliebter Treffpunkt an lauen Abenden, Schnorrer wie Medien-Stars frequentierten es, für mich jedoch hörte sich das Kommen und Gehen und Verweilen der Menschen in diesem Moment so weit weg an.

Der Ort war mir aus vielen Hollywood-Produktionen bekannt. In Filmen geschehen hier schlimme Dinge.

Direkt auf der Stelle, wo ich sass und in scheinbar rhythmischen Abständen das Wasser meine Füße berührte, töteten Mafiakiller und korrupte Polizisten Verräter oder Konkurrenten. Oben auf dem Pier trieben schlechte Kerle undurchsichtige Ränke mit unschuldigen, naiven Mädchen oder hinterhältige Ehefrauen schmiedeten Pläne mit ihren Liebhabern.

Aber danach wirkte der Ort in der Realität dieses Abends überhaupt nicht.

Er war friedlich. Das Greifen des Meeres nach meinen Füßen wirkte irgendwie ein wenig gruselig. Ich konnte mir vorstellen, wie es plötzlich zuschnappt, ein Ungeheuer, und mich in sich hineinzieht! Ich würde nicht schreien. Ich würde auf dem nächtigen Meer dem Horizont  zutreiben, mich auf den Rücken wenden, und zusehen, wie die Lichter des riesigen Los Angeles, in einer hellen Kuppel, gebildet aus dem Dunst über der Stadt, milchig ineinander verschwimmend, sich von mir entfernen.

Oben auf dem Pier, in den Bars, Resturants und in den Spielstätten, die Menschen würden ihren Vergnügungen oder Geschäften weiter nachgehen, ohne meiner Gewahr zu werden.

In der anderen Erinnerung prallten 2 bis 3 Meter hohe Wellen gegen die felsige Küste unweit von Rabat.

Auf einem der Felsen saß ich. Die Dämmerung senkte sich. Der Wind presste gewaltig gegen mich, als wolle er mich in die hohen Wellen werfen, die hart gegen die Küste schlugen und beim Zurückschwemmen mit den nachfolgend herannahenden Wellen Strudel erzeugten.

Skylla und Charybdis fielen mir ein und eine schwarz-braun-weiße griechische Vase, auf der abgebildet war, wie Odysseus sein Schiff zwischen ihnen durchzumanövrieren versucht. Mir war in diesem Moment das Gefühl wiedergekehrt, das längst vergessene, das  ich erfüllt hatte, als ich, ein kleiner Junge, mit meinen Eltern und meiner Schwester nach dem letzen Grundschuljahr in Griechenland auf Urlaub war. Das letzte unverdorbene Dasein ohne Zukunft und ohne Vergangenheit.

Ich wollte damals nicht mehr zurück nach Deutschland. Ich wollte bleiben und Seemann werden.

In jenen Augenblick hinein, in dem die beiden Erinnerungen ununterscheidbar ineinanderfielen, tanzten die beiden Mädchen, kleine, dünne Elfen in helle Kleidchen und weiße Kniestrümpfe gehüllt.

 

"Wir genießen die himmlichen Freuden

drum lasst uns das irdische meiden"

 

tönte die Stimme der Sopranistin auf, helle Bläser und Streicher, das Dunkel wich, die Sonne fiel durch das Gezweig und die Blätter leuchteten transparent.

Dieser Augenblick war das Ende eines Lebens, das es nicht mehr wert war, länger gelebt zu werden.Eintrag 3: Der Park

 

Das geschah in diesem kleinen Park im Münchener Stadtteil Bogenhausen, dem Shakespeareplatz, worin eine steinerne Julia aufgestellt ist und ein Brunnen, in dem eine Frau umgeben von Wasser eine Schale Austern trägt.

Ich sass auf einer Bank.

Ich beobachtete die einzigen Anwesenden außer mir, eine dunkelhaarige Frau, die einen leeren Kinderwagen schob, um die herum 2 blonde Mädchen, 8 bis 10 Jahre alt, tanzten.

Das war kein koordinierter Tanz. Aber sie sprangen und hüpften, versuchten sich zu fangen, wichen sich aus, um den Spaziergang der Frau mit dem Kinderwagen herum, mit dem sie den Weg entlang schritten und es wirkte mehr wie Tanz als das Herumtollen von Kindern, weil sie sich sehr elegant und leichtfüssig dabei bewegten.

Dadurch erklang in meinem Kopf Musik, das Finale von Mahlers 4.Sinfonie. Die beiden Mädchen, so nahm ich es wahr, genossen &die himmlischen Freuden&.

Das war mir sehr angenehm, denn ehe ich die Frau mit den Kindern entdeckt hatte, war alles auf eine merkwürdige Art dunkel gewesen, obwohl es Nachmittag war und die Sonne schien. Mein Gehirn hatte sich angefühlt als würde es irgendwie ohne Wärmezufuhr kochen.

So sehr ich mich auch komzentrierte, gelang es mir nicht, in diesem Gehirn eine Ordnung zu finden.

Ich wusste, ich war in München und hatte diesen Park gezielt aufgesucht weil die Figuren ihm ein besonderes Flair verleihen.

Ich wusste, ich war erst seit kurzem nach München zurück gekehrt.

Aber was ich nicht mehr wusste, war, wo ich unmittelbar davor gewesen bin, aus welcher Stadt ich nach München zurück kam.

Die chronologische Reihenfolge der Ereigisse in den vielleicht 2 Jahren davor bekam ich nicht mehr zusammen.

Sie hatten an mehreren weit auseinanderliegenden Orten stattgefunden, in Berlin, Amsterdam, Paris, Los Angeles, New York, Rom, Malaysia, Neuseeland, Jordanien, Ägypten, Marokko…

Es fühlte sich an, als sei ich überall dort gleichzeitig gewesen. Der Versuch, zu separieren kostete fast übermenschliche Anstrengung. Ich löschte eine Stadt, ein Land nach dem anderen aus. Ich versuchte das letzte herauszukristalliesieren, was mir nicht gelang, also ließ ich los und erlaubte dem stärksten, mich anzufüllen.

In der Dunkelheit des Parks unter der Sonne schmolzen vor allem 2 Erinnerungen ineinander, die ich besonders intensiv spührte, als seien sie Gegenwart, und deren Bilder besonders klar die Sicht meines inneren Auges ausfüllten.

In der einen sass ich etwa gegen Mitternacht unter dem Santa Monica Pier. Die Kanadierin, mit der zusammen ich die Tage zuvor noch Hollywood-Boulevard und Mulholland Drive auskundschaftete, war nachmittags nach Montreal aufgebrochen. Das Meer schlug gegen die Holzbalken und das hörte sich an wie der Bruch des Wassers in einer Höhle. Das Gewirr der Stimmen und der Klang des Treibens der Menschen verwirkte sich wie ein feines Netz in das Schlagen und Rauschen der brechenden Wellen.

Es geschah vieles direkt über meinem Kopf, das Santa Monica Pier ist ein beliebter Treffpunkt an lauen Abenden, Schnorrer wie Hollywood-Star frequentierten es, aber für mich hörte sich das Kommen und Gehen und Verweilen der Menschen so weit weg an.

Der Ort war mir aus vielen Hollywood-Produktionen bekannt. In Filmen geschehen hier schlimme Dinge.

Direkt auf der Stelle, wo ich sass und in scheinbar rhythmischen Abständen das Wasser meine Füße berührte, töteten Mafiakiller und korrupte Polizisten Verräter oder Konkurrenten. Oben auf dem Pier trieben schlechte Kerle undurchsichtige Ränke mit unschuldigen, naiven Mädchen oder hinterhältige Ehefrauen schmiedeten Pläne mit ihren Liebhabern.

Aber danach wirkte der Ort in der Realität dieses Abends überhaupt nicht.

Er war friedlich. Das Greifen des Meeres nach meinen Füßen wirkte irgendwie ein wenig gruselig. Ich konnte mir vorstellen, wie es plötzlich zuschnappt, ein Ungeheuer, und mich in sich hineinzieht! Ich würde nicht schreien. Ich würde auf dem nächtigen Meer dem Horizont  zutreiben, mich auf den Rücken wenden, und zusehen, wie die Lichter des riesigen Los Angeles, in einer hellen Kuppel, gebildet aus dem Dunst über der Stadt, milchig ineinander verschwimmend, sich von mir entfernen.

Oben auf dem Pier, in den Bars, Resturants und in den Spielstätten, die Menschen würden ihren Vergnügungen oder Geschäften weiter nachgehen, ohne meiner Gewahr zu werden.

In der anderen Erinnerung prallten 2 bis 3 Meter hohe Wellen gegen die felsige Küste unweit von Rabat.

Auf einem der Felsen saß ich. Die Dämmerung senkte sich. Der Wind presste gewaltig gegen mich, als wolle er mich in die hohen Wellen werfen, die hart gegen die Küste schlugen und beim Zurückschwemmen mit den nachfolgend herannahenden Wellen Strudel erzeugten.

Skylla und Charybdis fielen mir ein und eine schwarz-braun-weiße griechische Vase, auf der abgebildet war, wie Odysseus sein Schiff zwischen ihnen durchzumanövrieren versucht. Mir war in diesem Moment das Gefühl wiedergekehrt, das längst vergessene, das  ich erfüllt hatte, als ich, ein kleiner Junge, mit meinen Eltern und meiner Schwester nach dem letzen Grundschuljahr in Griechenland auf Urlaub war. Das letzte unverdorbene Dasein ohne Zukunft und ohne Vergangenheit.

Ich wollte damals nicht mehr zurück nach Deutschland. Ich wollte bleiben und Seemann werden.

In jenen Augenblick hinein, in dem die beiden Erinnerungen ununterscheidbar ineinanderfielen, tanzten die beiden Mädchen, kleine, dünne Elfen in helle Kleidchen und weiße Kniestrümpfe gehüllt.

 

&Wir geniesen die himmlichen Freuden

drum lasst uns das irdische meiden&

 

tönte die Stimme der Sopranistin auf, helle Bläser und Streicher, das Dunkel wich, die Sonne fiel durch das Gezweig und die Blätter leuchteten transparent.

Dieser Augenblick war das Ende eines Lebens, das es nicht mehr wert war, länger gelebt zu werden.