Eintrag 4: Der Weg in das Krankenhaus

Eintrag 4: Der Weg in das Krankenhaus

"Nein!" Die Ärztin der Notaufnahme bestand darauf: "Sie wissen nicht, worauf Sie sich da einlassen! Wenn ich Sie auf eine Station da oben schicke, drehen Sie auf dem Absatz wieder um! Dort sind richtig kranke Menschen und es geht zu, wie Sie es sich nicht vorstellen können! Gehen Sie wieder, ich nehme Sie nicht auf!"

Was mich daran beruhigte, war, dass ich scheinbar nicht so irre wirkte, wie ich mich fühlte.

Dass sich jemand freiwillig in die Psychiatrie einweisen lässt, wird sie nicht so sehr gewohnt sein, es ist eine Hardcore-Entscheidung, und in der Regel vermeiden Leute es so gut sie können, in der Psychiatrie zu landen.

Auf der anderen Seite: warum warten, bis es zu spät ist?

Meine Vernunft funktioniert bis zu einem gewißen Grade noch, der Zug rast auf den endgültigen Abgrund zu, ich spüre es und noch ist Zeit, die Notbremse zu ziehen! Ich bin vom Shakespearepark direkt hierher gewandert. Zum Bezirkskrankenhaus München Haar, dem heutigen Isar-Amper-Klinikum München-Ost. Viele Krankenhäuser in München haben psychiatrische Abteilungen. Nach dem Tod der Mutter wurde unser Vater in das Max-Plank-Institut aufgrund eines Selbstmordversuches zwangseingewiesen. Sie starb an Leukämie, was hätte verhindert werden können, würden ihre behandelnden Ärzte rechtzeitig die korrekte Diagnose gestellt haben. So verloren sie mit Fehlbehandlungen so viel Zeit, dass die Krankheit zuletzt so weit fortgeschritten war, dass  nichts mehr zu machen gewesen ist. Er hielt sich selbst für schuld am Tod seiner Ehefrau, obzwar er nicht zu den behandelnden Ärzten gehört hatte, tat aber nach der Behandlung im MPI sein möglichstes, diese Schuld auf mich abzuwälzen. "Du hast deine Mutter umgebracht!" gehörte zu seinen Standardvorwürfen gegen mich. Ich wusste aber, dass er sich fühlte, als habe er, da er selbst Mediziner war, darin versagt, das Leben seiner eigenen Frau zu retten. Dieses Selbstgefühl zehrte an ihm wie ein Fluch, der, hätte er ihm nachgegeben, es ihm verunmöglicht hätte, seine Praxistätigkeit wieder aufzunehmen; ein aus der Art geschlagener Sohn ist da buchstäblich Gold wert, Sündenböcke werden nicht auf dem Bauerhof gezüchtet! Die Kriterien für Zwangseinweisung sind sind Selbstgefährdung oder Fremdgefährdung. Ich war keines von beidem. In meinem Zustand war ich so geschwächt, ich hätte für niemanden gefährlich werden können, und die Entscheidung, mich freiwillig einer psychiatrischen Behandlung zu unterziehen, zeugte deutlich von einem ausgeprägten Überlebensinstinkt. Haar ist die psychiatrische Spezialklinik. Dreht in München einer ab, so sagt man: "Der gehört nach Haar!" Ich war zu dem Schluss gekommen, dass mir dieses Krankenhaus die umfassendsten Möglichkeiten eröffnet.

Nun muss man natürlich mit in die Waagschale werfen, dass diese Ärztin neben "normalen" Fehlfunktionen des Gehirns, Ärzte sprechen hier von irgendwelchen Neurotransmittern, die nicht tun, was sie sollen, Drogen- und Alkoholsüchtigen mit Arten menschlicher Entgleisungen konfrontiert ist, gegen die ich sicherlich harmlos war. Das Bezirkskrankenhaus Haar besteht aus vielen unterschiedlichen Häusern. Darunter befindet sich auch eine Forensische Psychiatrie. Was sich hinter diesen Mauern verbirgt, das will, glaube ich, niemand so genau wissen! Aber die Ärzte müssen müssen es nicht nur wissen, sie müssen damit umgehen.

Die Aufnahmeärztin hatte entschieden, bei mir gar nicht erst eine Diagnose zu stellen, sie schickte mich kurz entschlossen wieder weg!

Zur Rückfahrt in die Stadt nutzte ich die S-Bahn. Da ich mittellos war, fuhr ich schwarz.

Durch das Gespräch mit der Ärztin war mein Kopf einigermaßen klar. Die Hirnmasse zwischen meinen Schädelwänden fühlte sich auch nicht mehr wie kochende Flüssigkeit an. Mag sein, dachte ich, dass dieses gurgelnde Gefühl durch Fehlfunktionen der Neurotransmitter entsteht und das Gespräch die Wirkung eines Stimulanz hatte, das die Funktion bereinigte.

Vielleicht hatte sie recht, die Psychiatrie ist doch eine extreme Roßkur! Ich hatte schon immer eine Neigung zu extremen Entscheidungen. Andere Menschen nahmen mich darob als sprunghaft wahr.

Diese Wahrnehmung ist unzutreffend. Alles folgte stets einer spezifischen Logik, nur kannte außer mir niemand diese Logik, was häufig zu Fehlinterpretationen meiner Entscheidungen und Handlungen führte.

Möglicherweise hielt diese Ärztin meine Vorsprache für einen verzweifelten Spontanentschluss.

Das war es nicht. Ich hatte ein Leben beendet. Ich hatte einen Menschen getötet. Ich hatte mich getötet. Jedenfalls den bislang aktiven Teil.

Ich war gefangen in der verkrustenden Larve meines bisherigen Daseins. Und ich hatte die Kraft nicht, aus eigener Kraft zu schlüpfen, ehe ich darin ersticke.

Ich war auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen, kannte aber niemandem, der mir hätte helfen können oder nur wollen.

Sein Leben im politischen zu verbringen ist im Grunde nichts anderes als ein pausenloses mentales bloodsport tournament. Egal auf welcher Ebene es stattfindet und egal um welche Ideologien die Personen kreisen, Politik ist Machtkampf! Und es ist nur Machtkampf. Und ich war nur irgend einer von denen, die irgendwo auf der Strecke ausgeknocked worden sind und sich davon nicht mehr erholten.

Also, erzählt Ihnen irgend jemand etwas von "herrschaftsfreier Gesellschaft" oder "Aufhebung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen", um 2 linke Dauerbrenner zu bemühen, der Bereich, in dem ich mich vorwiegend herumgetrieben hatte, lachen Sie ihm oder ihr in das Gesicht. Das ist nur ein Versuch, Personal zu rekrutieren, das man beherrschen und ausbeuten kann. Sie bemerken bald, Sie müssen sich, lassen Sie sich darauf ein, sofort freikämpfen von Beherrschung und Ausbeutung, aber der Kampf wird nicht mit offenen Karten und nach sportlichen Regeln geführt!

Zuende gedacht, ist mindestens die erste dieser beiden Phrasen im Zusammenhang mit Politik ohnehin ein Widerspruch in sich, da Politik genau die Verwirklichung von Anspruch-erheben auf Herrschaft ist!

Linke benutzen gerne das Wort "Solidarität", aber mit ihrer Solidarität steht es wie mit ihrer Toleranz: das ist etwas, das sie von anderen einfordern, vor allem ihnen gegenüber, sie selbst brauchen Solidarität nicht üben, sie sind schon links, und alles was nicht ihnen gleicht, ihre Klischees und Vorurteile teilt, verdient keine Solidarität!

Die beiden erwähnten Phrasen tauchen in der Welt nur als politische Sprache auf, politische Sprache jedoch ist tatsächlich sinnlos, wenn man davon ausgeht, dass Sprache Wirkliches benennen soll und als Mittel des Austauschs von Information über dieses Wirkliche zu verwenden sei. Die politische Sprache trifft in diesem Sinne keine Aussage, sie kennzeichnet nur die Gruppenzugehörigkeit des Nutzers.

In einem independent-movie der 80ger Jahre aus Westberlin, "Decoder", fällt der Satz: "Wenn du nicht genau weißt, wer der Feind ist, musst du ziemlich genau aufpassen!" Das ist die einzige Regel, die in der Politik wirklich Gültigkeit hat, und wer sie einmal vergisst, der hat schon verloren! Die Regel lernen reicht nicht. Man muss das dahinter legende Axiom begriffen haben: "Nichts ist, wie es scheint!" Was gut wirkt kann böse sein, was böse wirkt gut, wahr falsch, falsch wahr usw. Besonders beliebt: Personen vertreten Dinge, die sie nicht meinen, um Ziele zu erreichen, die sie nicht vertreten! Nicht erst oben in der Hierarchie. Das fängt ganz unten an. Viele haben genau das so perfekt kultiviert, dass sie es nicht einmal mehr selber bemerken. Vielleicht wäre an dieser Stelle doch noch eine Subregel hilfreich: "Vermeide es, paranoid zu werden!"

An dieser Stelle will ich eine Sache klar stellen, um Missverständnisse zu vermeiden: ich war nie Politiker und ich strebte keine Sekunde meines Lebens eine politische Karriere an!

Ich war so etwas wie ein Freischaffender Aktivist! Freelancer.

Mein Themenschwerpunkt war Anti-Kriegs-Politik, aber ich beteiligte mich auch an anderen.

Wahrscheinlich daher der Hass jener, welche politische Karrieren anstrebten, gegen mich; es bestand glaube ich nie für einen von ihnen Zweifel, dass sie mich nicht für ihre Karriere einspannen könnten, manches mal versuchten sie es, gaben das aber schnell auf. Sie fürchteten mich dann als Konkurrenz, da ihre beschränkten Gehirne andere Interpretationen nicht zuließen. Meine gesamte Existenz ängstigte sie, denn sie konnten mich nicht kategorisieren, alles, was sie an mir begriffen, war: ich bin durch sie nicht beherrschbar! Unter all den Menschen, die längerfristig politisch aktiv waren, erinnere ich mich nur an ein Gesicht, das nicht primär bestrebt war, sich sein Umfeld zu unterwerfen, jenes, das mir aus dem Spiegel entgegenglotzt! Politik ist der Spielplatz der control-freaks!

Hat Ernest Hemingway sich selbst erschossen oder erlag er zuletzt einem auf absurde Art zu seinem Leben als einzig denkbarer Tod passendem Unfall? Abschließend wird die Frage nie geklärt werden. Eine Kugel streckte den nieder, der die Gefahr herausforderte, als er sich vor der Gefahr zurückgezogen hatte. Mehr wissen wir nicht. lch muss bei dieser Frage nur immer daran denken, dass er ein amerikanischer Linker war und sein Roman " For Whom the Bell Tolls" die zutreffendste Beschreibung dessen, was als "Linke" in der westlichen Welt existiert, die ich bisher in meinem Leben gelesen habe. Und zu Hemingways Zeiten ging es in der Politik tatsächlich noch um etwas! Rechnen Sie das jetzt hoch (oder runter, je nach dem) auf eine Gegenwart, in der "Linke" nur mehr eine Echokammer ist, in der sich Leute darum balgen, wer welche Position in der eigenen Hierarchie hat und deren größte Furcht darin besteht, etwas könnte in diese Echokammer eindringen, durch das  sie in Frage gestellt werden!

Jemanden aus der "politischen Zeit" aufzusuchen, wäre nicht hilfreich. Es liefe nur darauf hinaus, dass diese Person ihren Triumpf auskostet, mich gefallen zu sehen und spekuliert, ob und wie sie sich mich für ihre eigenen Zwecke nutzbar machen könnte.

Mein Vater wohnte noch in München. Sein Verhalten wollte mir gar nicht erst vorstellen! Ich will Ihnen das verdeutlichen:

Da gibt es diesen Film, "Dead Girl". Ich meine nicht den perversen Horrorstreifen – den habe ich nicht angesehen, bei dem reicht mir die Beschreibung, obwohl ich ein hartgesottener Horrorfreak bin, aber einige Phantasien reichen dann doch zu weit über die Grenze zur Abartigkeit hinaus – ich meine den aus mehreren ineinander verzahnten Episoden bestehenden Film mit Rose Byrne und Brittany Murphy aus dem Jahre 2006. Den als ich anschaute, sah ich in der ersten Episode das Ergebnis, welches entstanden wäre, hätte ich mich in dieser Situation an meinen Vater gewendet. Wenn Sie ihn nicht kennen, nehmen Sie sich die Zeit dafür, er lohnt sie auch ohne als Illustration des hier von mir erzähltem zu dienen. Vertrauen Sie mir an diesem Punkt. Ich mag Trash. Nein: ich liebe Trash! Trash unterhält mich großartig und so mancher Roger Corman oder Brian Yuzna/Stuart Gordon ist ein echtes Juwel! "From Beyond"? Am Ende die Blonde mit der Brille jetzt ohne Brille: "Um Gottes Willen! Es hat ihn gefressen!" Ich kann an die Szene gar nicht denken, ohne ein Lachen unterdrücken zu müssen! Unterdrücken, da man immer als leicht schwachsinnig angesehen wird, wenn man plötzlich, ohne für andere ersichtlichen Anlass, irgendwo auflacht. Tatsächlich aber verfüge ich über einen exquisiten Geschmack und ein höchst ausgereiftes, wenn auch nicht völlig untrügliches Urteilsvermögen in Bezug auf Kunstprodukte.

H.P.Lovecraft

Dieser Film "Dead Girl" ist alles andere als lustig! Dass perverse Wissenschaftler sich in schleimige Glibbermonster mit zahlreichen Tentakeln verwandeln, kommt im alltäglichen Leben nicht sooo häufig vor, dass man sich davor fürchten müsste. Klar bewertet sich auch "From Beyond" durch die Tatsache der Symbolik,  welche verschlüsselt, was die Phantasie überhaupt erst verursacht hat und von den Autoren mit Entsetzen wahrgenommen worden war. So unterscheidet man guten Trash von schlechtem. Guter sendet Botschaften an in der Sache Gleichgesinnte. Schlechter ist nur gehaltloses Bild. "Dead Girl" allerdings erzählt peinlich genau eine Geschichte, die auf die eine oder andere Weise variierend jeden Tag irgendwo sich zuträgt. Davor sollte man sich durchaus fürchten! Für mich besonders wenig zum Lachen ist die Darstellung der Ausprägung eines Mutter-Tochter-Verhältnisses in der ersten Episode, welches ich selbst in Echtzeit, nur mit alterniertem Geschlecht, vor Augen hatte, was mich hinderte in diesem meinem jetzigen Zustand zu meinem Vater zu gehen und Hilfe abzubitten! Ich alleine hätte die Auseinandersetzung nicht geschafft! Er war mein Vater. Das Oberhaupt der Familie. Ich war der Rebell der Familie. Der Taugenichts der Familie in in gewißer Weise. Ein Typ, der Trümmer zu stemmen versucht, die zu schwer für ihn sind. Ein Typ, der Abkürzungen nimmt, die in der Sackgasse enden. Dennoch empfand ich mich… "Akira Kurosawas Ran!"  Eine japanische Variante des King Lear. Trotz allem hatte ich zu ihm immer ein persönliches Verhältnis wie jener jüngste Sohn, der in die Verbannung geschickt worden war. Er war jetzo nicht mehr Doktor. Er war jetzt Rentner. An Zeit fehlte es nicht. Alleine hätte ich die Auseinandersetzung mit ihm nicht geschafft. Die Kommunikation zwischen dem alten Herrn und mir war so gestört, es gelang mir nicht eine sinnvolle zu etablieren. Aber es wird ja "professionelle Hilfe" auf dem Markt angeboten. Eine neutrale dritte Partei, bewandert in der Seelenklempnerei, die gebrochenen Verhältnisse handeln kann, verhärtete Fronten lösen, die auch er akzeptiert, unter deren Moderation die Jahre, die die Gegenwart gebildet hatten, aufgearbeitet werden können. Gut für mich, gut für ihn, denn weiß Gott, er war alles mögliche, nur kein glücklicher Mensch. Solches blauäugiges Zeug versprach ich mir als zentrales Moment von Therapie. Nicht gleich zu Anfang, der Beginn sollte meiner Stabilisierung dienen und der Re-Strukturierung meines Gehirns. As the second step. Ein wesentliches Charakteristikum dieser Familie war das Bauen von Fassaden und Spinnen von Legenden, und das Verbergen der Wahrheit dahinter. Der Dritte wäre dann über das Verlangen der Gesellschaft nach Erfüllen ihrer Forderung nach Einhalten der durch sie vorgezeichneten Bahnen Genüge tuend die Aufnahme produktiver Arbeit, in der ich einen Sinn erkennen konnte und die meinen Lebensunterhalt finanziert. Das war der Ursprungsplan.

Ich gehöre zu den Leuten, die gefühlt eine halbe Ewigkeit benötigen, bis sie einmal eine feststehende Entscheidung treffen! Alles hat so viele pros & contras; ist sie jedoch einmal gefallen, gibt es kaum etwas, das mich von der Durchführung wieder abbringen könnte. "Keine 10 Pferde," wie der Volksmund zu sagen pflegt!  Das 11. dann möglicherweise schon…?

In der Medizin wird bei ungewöhnlichen Krankheitsfällen von allen seriösen Ärzten empfohlen, stets eine 2.Meinung einzuholen. OK, durcheinander geratene Gehirne und Angstzustände sind in der Psychiatrie keine Ungewöhnlichkeit.

Am Ostbahnhof aussteigend fiel mir ein: das "Rechts der Isar" beherbergt eine psychiatrische Abteilung! Ich mache es davon abgängig, was mir dort gesagt wird; sind sie das 11 Pferd, muss ich mir etwas andres überlegen.

Es ist nicht weit von hier, ich ging zu Fuß rüber.

"Ich mag jetzt einigermaßen klar wirken, tatsächlich leide ich aber teilweise unter so massiven Verwirrungen…"

Der junge Arzt hörte mir konzentriert zu, während seine Hand wie automatisch mit einem Kuli neben seinem Gesicht spielte.

"Ich denke schon, dass es sinnvoll ist, Sie zumindest eine Zeit lang unter Beobachtung zu nehmen", schloss er, nachdem ich mit meiner Schilderung fertig war.

"Hier haben wir aber nur eine kleine Abteilung und alle Plätze sind belegt, ich werde Sie in das Bezirkskrankenhaus in Haar überweisen. Dort sind Sie gut versorgt!"