Rückblende I.: Der RAF-Agitator

Rückblende I.: Der RAF-Agitator

 P.I. Tschikowskij: Manfred Sinfonie in vier Bildern nach dem dramatischen Gedicht von Lord Byron b-moll op.58, Igor Markewitch

 

I.

Ich weiß eigentlich gar nicht, wie er auf mich gekommen war.

Ich hatte nie groß Fragen gestellt, die über das unmittelbare Verständnis einer konkreten Angelegenheit hinausgingen. Je weniger einer weiß, desto weniger kann er aussagen wenn es hart auf hart kommt.

Zwar kannte ich ihn, hatte jedoch nie näheren Kontakt zu ihm gehabt, war schon gar nicht befreundet mit ihm. Er war der oberste Antiimp, wie der RAF-Fanclub sich nannte, der Stadt gewesen, Befehlston, seine Gruppe gehorchte auf Pfiff. Irgendwann tauchte er bei Zusammenkünften nicht mehr auf. Seit irgendetwas von über einem Jahr. Da stand er nun vor mir. Ich war sein Ziel.

Ich war mal mit einem Mädchen aus dem RAF-Fanclub irgendwie zusammen. Mal mehr und mal weniger.

Aber selbst gehörte ich nicht dazu.

Kann Strategie gewesen sein. Man schickt das Mädchen vor, später kommt der "Boss" nach. Junge Männer sind ja oft so dämlich, lassen sich von einer um den Finger wickeln und bilden sich dabei ein, sie hätten die Lady beeindruckt.

Jedenfalls tauchte er irgendwann bei mir auf.

Seine Freundin, bei der er gehaust hat, habe ihn vor die Türe gesetzt. Endgültig. Er wüsste nicht wohin.

Nun, ich war Linker, Kommunist, die Sowjetunion war bereits vergangen, es lag an mir, die Welt in den Kommunismus zu führen. Er war ein Genosse, "Mia Casa es su Casa!"

 

Wir stellten eine gemeinsame Vorliebe für Western fest.

Sein Lieblingswestern war "Butch Cassidy and the Sundance Kid" mit Paul Newman und Robert Redford.

Mein vor den anderen bevorzugter war Sergio Corbucci's "Django" mit Franco Nero.

Es sagt viel über einen Menschen aus, welche Filmklassiker er hochhält. Nur bei Klassikern, nicht bei aktuellen Filmen.

Der erste ist eine Geschichte von 2 Jungs, die sich nach der Devise "Wir gegen den Rest der Welt!" durchs Leben gaunern bis es eben vorbei ist.

"Django" ist ein im Wesentlichen des Lebens überdrüssiger Einzelgänger, der im Krieg für den siegreichen Norden gekämpft hat und jetzt, an der mexikanischen Grenze, wo er herkommt, wartet noch eine letzte Aufgabe auf ihn; aber ein Teil seines Planes war korrumpiert, treibt ihn an, sich mit viel Gold abzusetzen, was scheitert und ihn verkrüppelt. Er erkennt, dass er vor der Aufgabe, die für ihn bestimmt ist, nicht davonlaufen kann, sie durch seine Korruption nur umso schwieriger wurde. So vollendet er sie mit seiner letzten Kraft. Bemerkenswert ist das wahrhaft umfassende Wüten des Todes in dieser Geschichte.

Als kleiner Junge hatte mir am besten gefallen "Der Mann vom großen Fluss", mit James Stewart, die Geschichte vom Vater, der seine Familie aus dem Bürgerkrieg raushalten will, doch von diesem eingeholt wird.

Es hatte sich viel getan zwischen diesen beiden Western!

 

Er sprach öfter davon, wie wandlungsfähig ich sei, nur einen anderen Gang müsste ich üben, mein federnder sei zu auffällig und zuordbar, etc.

Er nahm mich mit auf Prozesse in Stammheim.

Und ja! Es gefiel mir! Aufmerksamkeit von der "Avantgarde", ernstgenommen als Revolutionär.

 

II.

Luitgard Hornstein StammheimDen Prozess gegen Luitgard Hornstein machte ich von mir aus zu meiner Sache. Sie wirkte so schützenswert. Ein gutes Mädchen, das in etwas hineingeraten war. Ich habe viel darüber spekuliert wie es dazu hat kommen können, aber das geht niemanden etwas an. Sie war in etwas hineingeraten und jetzt musste sie dafür bluten. Sie stand wegen RAF, bzw. einer konstruierten Extention, der sie laut Bundesanwaltschaft angehören sollte, vor Gericht. Sie gehörte überhaupt nicht zur RAF oder sonst einer militanten Gruppierung! Das war dem Gericht aber unmöglich beizubringen!

In der ersten Verhandlung wurde sie lediglich wegen einer über Eisessen mit einer RAF-Militanten konstruierten Mitgliedschaft verurteilt, wodurch ihr zwar immer noch den Rest ihres Lebens das Urteil angehaftet hätte, ganz zu schweigen von der böswilligen Sensationslust der Presseberichte, die nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind, aber es hätte weniger übelwollenden Beamten die Möglichkeit eingeräumt, zu entscheiden, die Strafe durch die Untersuchungshaft für abgegolten zu erklären und den Rest auszusetzen.  Kurze Zeit später ging die Verhandlung jedoch in Revision, da das Gericht sie unbedingt wegen eines Bombenanschlages auf den Rüstungskonzern Dornier dran kriegen wollte! Der Vorsitzende Richter im Revisionsverfahren ließ keinen Augenblick der sich über Monate hinziehenden Verhandlung  Zweifel an seinem unbeirrbaren Entschluss aufkommen, sie im Zusammenhang mit der RAF als aktive  zu verurteilen. In sie war ich richtig verliebt! Richtig! Nicht wie ein Mördergroupie, was viele Antiimps waren, ich hatte niemals den geringsten Zweifel, dass dieses Mädchen absolut unfähig ist, einem Mord zu begehen oder an einer Aktion zu partizipieren, die Schaden an menschlichem Leben in Kauf nimmt! Sie konnte Stärke an den Tag legen. Am Tag ihrer Verurteilung litt ich sichtlich mehr als sie, während der Urteilsverkündung versuchte sie mit einer lustigen Geste mich aufzumuntern! Es war ausgeschlossen, dass das Böse Besitz ergriffen hatte von ihr! Über mich selbst konnte ich das mit weit weniger Gewissheit sagen! Im sogenannten "Revolutionären Kampf" verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse schnell in einem Nebel von Abwägungen. Gott sei Dank hatte ich nie Gelegenheit, es herauszufinden!

Dass sie mit einer Terroristin am selben Tisch gesessen hatte, macht keine Terroristin aus ihr. Die Häufigkeit, mit der John McCain sich mit Terroristen blicken lässt, erzeugt schon eine überzeugende statistische Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mann in Terrorismus verwickelt ist. Von ihr kann man so nicht sprechen. Es gibt eine schier unendliche Anzahl an Möglichkeiten, was an diesem Tisch gesprochen wurde. Dass in einem Eiscafé Anschlagspläne ausgeheckt wurden, wie von diversen Tageszeitungen lüstern der Öffentlichkeit suggeriert wurde, ist eine von denen, die getrost in den Bereich der blödsinnigen Sensationslust eingeordnet werden können.

Ich bewunderte sie dafür, dass sie wie eine Stoikerin schweigend sich dem Prozess stellte, von dem alle wussten, sicherlich auch Bundesanwalt Rebmann und das Gericht – sagen wir alle, bis auf die Presse! – dass er auf einer falschen Anklage beruhte! Es waren damals schon Gerüchte im Umlauf, dass der Hinweis auf das Treffen im Eiscafe nicht "aus der Bevölkerung" kam, sondern von einem Spitzel des Verfassungsschutzes.

Ich glaube, nach ihrer Entlassung hat sie diese Szene verlassen. Hoffe ich jedenfalls. Ich hatte nichts mehr von ihr gehört oder gesehen. Gut so. Ich war damals voll im Revolutionsrausch. Sie war mehr wert als wir!

 

Einige Zeit, nachdem er begonnen hatte, mich in seine Struktur hineinzulocken, begannen die, wie sie sich nannten, "Gefangenen aus RAF und Widerstand" eine große kollektive Hungerstreik-Aktion.

Entgegen früherer solcher Kampagnen, griff die offizielle Politik in Gestalt von Klaus Kinkel von der FDP die Aktion auf und verlangte, der Staat müsse den Forderungen der Gefangenen entgegenkommen.

Ich hätte mich so oder so an der Unterstützungsarbeit beteiligt. Erstens war das für entschlossene Linke Ehrensache, auch ohne Hungerstreik gehört die Unterstützung gefangener Genossinnen und Genossen zur essentiellen politischen Arbeit, selbst wenn man in vielen Fragen nicht mit ihnen übereinsimmt, man ist das gleiche politische Spektrum; Genossen helfen einander, so war meine Auffassung, Einzelheiten und Widersprüche muss die Debatte klären. Zweitens versuchte in dieser Zeit der Oberantiimp mich zu seinem Sundance Kid zu machen, eine Sache, der ich skeptisch gegenüber stand, aber nicht vollkommen abgeneigt war – und er wohnte in meinem Zimmer mit.

Das erklärt allerdings nicht den besonderen Feuereifer, den ich am den Tag legte.

Diesmal war es persönlich!

Es war zu meinem Hauptanliegen in jeder denkbaren Hinsicht geworden, den mir möglichen Beitrag zu leisten, Luitgard Hornstein aus dem Knast heraus zu bekommen!

Nicht, weil ich mir, wie man sagt, Hoffnungen machte, sie war vergeben und meine  Verliebtheit trug deutlich einen Charakter, wie Dostojewskij sie durch den Ich-Erzähler in "Die Erniedrigten und Beleidigten" schilderte, sondern weil  mir der Gedanke unerträglich war, dass dieses Mädchen im Knast versauern soll für eine Anklage, die schlicht nicht auf sie zutraf! Wie die Situation sich für mich darstellte kann man das abstrakt so zeichnen: mein wahrer Gegenspieler in diesem Zusammenhang war der Vorsitzende Richter des für sie zuständigen Senats, der unübersehbar mit dem selben persönlichen Eifer jedes Staubkörnchen so interpretierte, dass es für ihre Verurteilung taugt, wie ich sie frei haben wollte, der ich definitiv wusste, dass sie nicht der RAF angehörte! Das Gericht konnte substantielles nicht ausfindig machen. Möglicherweise stand eine treibende Kraft dahinter. Denn nachdem sie zunächst "nur" für Eisessen mit den falschen Personen verurteilt wurde, legte ein Revisionsverfahren darauf an, ihr Verantwortung für einen Anschlag auf den Rüstungskonzern Dornier in Friedrichshafen zuzukonstruieren. Sachschaden. Die im Gebäude befindlichen sind vor Detonation der Bombe gewarnt worden. Sie war im klassischen Sinne eine politische Gefangene, da es keine konkrete Straftat gab, die ihr hätte angelastet werden können. Wer saß mit wem im Eiscafe gibt im BRD-Recht keine 9 Jahre her. Nach dem Rechtsverständnis, welches in diesem Prozess zum Ausdruck kam, hätte er genauso gut auch mich rannehmen können. Ein Anschlag auf die Rüstungsindustrie genoss damals meine uneingeschränkte Sympathie! Damit sie nicht Krieg spielen können, müssen ihnen die Waffen weggenommen werden! Sie müssen daran gehindert werden, mit Waffen zu handeln, denn Waffen, die werden nicht verkauft um martialische Paraden abhalten zu können. Sie müssen daran gehindert werden, ihre sophisticated weapons überhaupt herstellen zu können. Das war meine Überzeugung, und ich erachtete sie durch den Vernichtungskrieg gegen den Irak, der zeitnah eingeleitet wurde, bestätigt, welcher den Auftakt zu jener Vernichtungskampagne bildete, die bis heute anhält und  mittlerweile den gesamten Nahen Osten und Nordafrika in Brand setzte. Das eine sind ein paar zerbrochene Fensterscheiben, das andere die Zerstörung von Welten. Ich befürwortete den Anschlag, ich war Segment der radikalen linken Szene. Ich hätte sie auch unterstützt, wenn sie an dem Anschlag beteiligt gewesen  wäre, aber das wäre etwas anderes gewesen, dann hätte eine mögliche Haftstrafe zu den Bedingungen des Kampfes gehört. Entscheidend hier war genau, dass sie stellvertretend für etwas auf der Anklagebank saß, was von ihr nicht ausgegangen war!

Warum aber sollte sie dafür bluten? Nach dem zu urteilen, was mir als "Rechtsstaatlichkeit" beigebracht wurde, war das reine Willkürjustiz! Vielleicht lag es auch daran, dass sie es verstand, sich tapfer in die kollektive Linie der "politischen Gefangenen" einzufügen, wodurch das Gericht sich provoziert sah. Mir sagte das, dieses Mädchen kann jeden Anspruch an sich erheben, und sie kann jeden Anspruch, den sie an sich erhebt, erfüllen!

Ich dachte an die schrecklichste von allen Möglichkeiten: war es nur ein besonders grausamer Menschenversuch?! Bei dem es einerseits um eine Feldstudie ging, wie das Publikum, RAF-Sympathisanten, und radikale linke Szene auf der einen Seite,  Öffentlichkeit auf der anderen, wohl auf so etwas reagieren würden, jedoch auch um die Leidensfähigkeit des Mädchens zu testen, da man sie ja schon mal im Griff hielt!? Um davon Ableitungen machen zu können für kommende Zeiten, in welchen die Republik nicht so fest steht wie in den ausgehenden 80ger- und beginnenden 90ger Jahren? Strategien der Aufstandsbekämpfung entwickeln?

Die Intentionen, welche meinen Einsatz gegen den Prozess und für die Befreiung von Luitgard Hornstein begründeten, kannte ich. Aber was motivierte den Richter, rein gar nichts entlastendes, das in den Prozess eingebracht wurde und qualitativ wie quantitativ das belastende bei weitem überwog, in seine Überlegungen mit aufzunehmen?

Zwar wurde Luiti, wie sie angesprochen wurde, im Kontext der Kinkel-Initiative vorzeitig aus der Haft entlassen, aber dennoch sass sie ja seit ihrer Festnahme im Alter von 23 Jahren 1986 bis 1993 ein, Zeit, in der sie so viel hätte lernen können oder sinnvolles mit ihrem Leben anfangen. 

Ich hatte in München meine eigenen verzogener-Bub-Spiele mit der Justiz getrieben.

Stuttgart Stammheim war eine gänzlich andere Baustelle!

 9 Jahre für Eisessen mit der falschen Person.

Ich hatte mir bis dahin mehr geleistet als sie!

Wenn das Urteil verlesen ist, der Prozess abgeschlossen, werde ich den Saal verlassen und mich auf den Rückweg nach München machen.

Sie wird in das obere Stockwerk des Gefängnishochbaus gebracht und sich auf einige Jahre mehr in Gefangenschaft einstellen, sie wird danach mit diesen Jahren klar kommen müssen, sie werden ihr gesamtes kommendes Leben beeinflußen! Das Leben eines noch jungen Mädchens! Sie wurde um die Chance beraubt, die Frau zu werden, die sie geworden wäre, hätte sie diese Jahre nach ihren eigenen Entscheidungen gestalten können anstatt auf ihr aufgezwungene Bedingungen zu reagieren!

Wie geht es ihr jetzt? Was tut sie jetzt? Wie blickt sie darauf zurück? Ich weiß es nicht!

An diesem Tag war es dann endgültig soweit. Etwas passierte in meinem Inneren. War ich bis dahin nicht sehr viel mehr als ein verzogener Bengel mit verrückten und ein paar guten Ideen gewesen, jetzt wurde es ernst!

Der Staat sperrte aus politischen Gründen eine sehr beeindruckende junge Frau geplant 9 Jahre ein, von der ich wusste, dass sie im Sinne der Anklage unschuldig war, die Staatsanwaltschaft wusste, dass sie im Sinne der Anklage unschuldig war und der Gerichtssenat wusste, dass sie im Sinne der Anklage unschuldig war!

Gibt es etwas, das noch mehr totalitäre Willkürherrschaft ist, als das?

Will sich noch jemand über Erdogan beschweren? – denn der Unterschied ist quantitativ, nicht qualitativ!

But not so fast, junior, dieser Absatz endet hier noch nicht!

Howard Phillips Lovecraft hat eine Geschichte, in der ein Icherzähler voller Angst durch Räume und Korridore eines labyrinthischen Schlosses vor einer schrecklichen Kreatur flüchtet, aber ihr nicht entkommen kann; plötzlich steht sie vor ihm! Der entsetzte Flüchtende hebt die Hand, berührt sie – und erkennt, vor einem Spiegel zu stehen!

Von jetzt aus gesehen muss ich diesen Abschnitt vor einem Spiegel beenden und der Fratze darin sagen: "Sei einmal in deinem Leben ein Mann und blick' der Wahrheit in das Gesicht: ohne eure beschissene gewalttätige Rhetorik, und du warst darin ganz besonders laut, wäre es ebenfalls niemals dazu gekommen!"

Der Staat hat hier keine weiße Weste. Wir hatten an dieser Katastrophe aber keinen geringeren Anteil!

Gewalt gegen Staat, Wirtschaft und Neonazis predigen gehörte in bestimmten Kreisen zu den täglichen Mantras. Es war ein Klima! Wer dabei sein wollte, widersprach besser nicht!

III.

Vor allem, da die Liberalen den Hungerstreik positiv aufgriffen, sah ich realistische Möglichkeiten! Gerüchte drüber waren lange im Umlauf ehe es über die Medien offiziell wurde; angesichts der Haltung, die der FDP-Politiker Gerhard Baum lange Jahre vertrat, sah ich keinen Grund, diese Gerüchte in Frage zu stellen. Meine Vorstellung bestand darin: es müsse jetzt nur genügend politischer Druck aufgebaut werden, damit diese, "Kinkel-Initiative", um es bei dem Namen zu nennen, unter welchem es in die Geschichte einging, sich auch Geltung verschaffen kann.

Die zur Unterstützung der Gefangenen eingerichteten regelmäßigen Zusammenkünfte der linken Szene waren, wie solche Zusammenkünfte sind. Völlig unproduktiv, mehr eine Castingshow des Typs "München sucht den Oberlinken".

Haben Sie mal ein wirkliches Anliegen und versuchen es mit Linken in die Realität überzuführen!

Wenn es auch nicht die Hemingway-Frage beantwortet, eine russische Version, warum Wladimir Majakowskij oder Jessenin sich die Kugel gegeben haben, wissen Sie dann ganz genau!

Ich ignorierte irgendwann dieses selbsternannte "Hungerstreik-Plenum", organisierte eine Demonstration vor der Frauenhaftanstalt Aichach und stellte das Plenum vor vollendete Tatsachen.

Magda, die sich seit längerem an mich anwanzte, half mir.

Ich designete ein Plakat, in dessen Zentrum ein Foto von 2 Kämpfern der Münchener Räterepublik stand.

Das machte absolut Sinn um die Linke und die Idee von der Befreiung der Gefangenen in einen lokal relevanten historischen Kontext zustellen.

Mein Plakat hatte professionelle Qualität. Das beleidigte die Casting-Show-Linken, vor allem die Antiimps. Ihre Ästethik beschränkte sich darauf, Zeitungsschnipsel, Bilder von Palästinensern, Konterfeis von RAF-Gefangenen und der Hamburger Hafenstraße wild durcheinander aufzukleben, mit Edding irgendetwas dazwischen zu schmieren und es dann zu fotokopieren. Wie fünfjährige, fehlten nur die Fingerfarben.

Es wurde beschlossen, das Plakat nicht zu kleben. Begründung: da ist keine Frau mit auf dem Bild. Also wirklich wahr, gerade für eine Demo in Aichach keine Frau! Das geht ja überhaupt nicht! Ich hätte schließlich diese eine Bild nehmen können, das aus dem spanischen Bürgerkrieg… blablabla… Das Bild, welches so ziemlich seit Monaten jedes Cover irgendeiner linksradikalen Publikation ziert.

Mein Name stand als Verantwortlicher im Sinne des Presserechtes, VissDepp, wie es damals genannt wurde, darunter.

Mal wieder blieb es an mir hängen, kleben zu gehen. Sie wären sowieso zu faul dazu gewesen. Auch wenn ich das tolle Bild aus dem spanischen Bürgerkrieg und nicht das böse aus der Münchener Räterevolution benutzt hätte. Magda bot sich an, mit zu gehen.

Zuhause machte der RAF-Agitator sich sofort daran, das ViSdP abzuschneiden.

Wir gingen also gegen Morgen los mit Eimern voll Leim und Plakaten ohne ViSdP.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis eine Polizeistreife uns anhielt und, na, erraten Sie's? – nach dem ViSdP fragte!

Mit hätten sie sich gar nicht für uns interessiert, letztendlich hätten es sogar FDPler sein können, die es verklebten, ohne fuhren wir natürlich ein! Nicht wegen dem, was es abbildete, sondern weil es somit formal ungesetzlich wurde. Und es ist anrüchig, ein anonymes Plakat über die Stadt zu verteilen.

Wir verbrachten die Nacht in Zellen der Polizeiwache und wurden am nächsten Tag auf freien Fuß gesetzt.

Abends saßen der RAF-Agitator, das Antiimp-Mädchen, mit dem ich mittlerweile wieder nicht mehr zusammen war, Magda und noch andere mit mir in einem Restaurant um einen Tisch herum zur Nachbesprechung.

Magda brachte plötzlich den Gedanken auf, ich würde es darauf anlegen, für längere Zeit in den Knast zu kommen.

Das war ja nun exakt das genaue Gegenteil meiner Absichten, ich wollte ein Mädchen aus dem Knast herausbekommen, was hätte ich da im Knast tun sollen?

Vielleicht hatten sie nur Furcht, der Staat könnte ihnen zu sehr ans Zeug flicken. Es bestand aber überhaupt keine Gefahr in dieser Hinsicht, denn die Kinkel-Initiative war ein deutliches Zeichen, dass die BRD-Führung diese leidige Geschichte abschließen möchte. Warum weiß ich nicht. Das hätte ich nicht erklären können. Aber wenn die FDP in diese Richtung einschreitet, war auf oberster Ebene beschlossen worden, die RAF-Gefangenen aus dem Gefängnis zu entlassen, lediglich die Modalitäten sind noch zu klären. Das läuft nicht so, Klaus Kinkel ist da eben mal auf eine Idee gekommen und formuliert die jetzt öffentlich; es ist im Kern beschlossene Sache und einer wird damit beauftragt, es anzustoßen. Dann sieht man, was bei rauskommt und trifft die Folgeentscheidungen.

Entsprechend würde es überhaupt keinen Sinn machen, sehr hart gegen die linke Unterstützung des Hungerstreiks vorzugehen.

Wie dem auch sei, 6 Personen suchten nicht einen Autor, sondern einige bedrängten mich damit mir einreden zu wollen, mich zöge es "in den Knast";  nach 2 Stunden oder mehr gab ich also auf und ihnen oberflächlich recht, damit die Tortur endlich vorbei geht.

Möglicherweise war Magda im Dienste irgendeiner Sicherheitsbehörde unterwegs. Magda war ein Ex-Junkie, der aus nicht genau nachvollziehbaren Gründen in der sogenannten Wackerdorfzeit aus der Berliner Heroinsüchtigen-Szene nach München übersiedelte und genau in die WG, in der auch ich wohnte, wollte, obwohl sie mit einer anderen Szenestruktur bereits einen Einzug vereinbart hatte und auch erwartet wurde. Es ist nicht ungewöhnlich, Junkies auf niedriger politischer Ebene als Ohrmuschel und Einflussagent einzusetzen. Sie haben viel auf dem Kerbholz und neigen zur Skrupellosigkeit. Sie hatte sich immer an mich rangemacht, aber es war nie echt, es war immer spürbar eine unausgesprochene Absicht dahinter, es gab keine Gemeinsamkeiten über dass man der selben Szene angehört hinaus, und jedesmal, wenn ich sie in meine Angelegenheit mit einband, sabotierte sie. Auf der anderen Seite: ihr gesamtes Vorstellungsvermögen reduzierte sich auf die Welt der Berliner Fixerszene und entsprechend leitete sich ihre Wahrnehmung und ihr Verhalten davon ab. Auf Dauer abstoßed an ihr empfand ich die nahezu vollständige Abwesenheit eines Bewusstseins darüber, wo ihr Leben endet und das anderer Menschen beginnt! Versuchte ich ihr Grenzen aufzuzeigen, verstand sie das als Herausforderung, ihre Penetranz auf das ihr mögliche Maximum zu steigern. Half gar nichts mehr, inszenierte sie sich als armes Opfer, um Unterstützung anderer zu gewinnen. So auch an diesem Abend. Verwirrend war, dass sie bis dahin stets ihre Mitarbeit an der Vorbereitungsarbeiten angeboten hatte, sogar darauf bestand, sich einbringen zu können, wovon ich natürlich ableitete, sie verfolge das nämliche Ziel, weshalb ein solcher Vorstoß gänzlich überraschend und unnachvollziehbar daherkam. Sie hatte eine ziemlich gute Nase dafür, wann ein günstiger Zeitpunkt ist, einem in den Rücken zu fallen. Das exakt selbe konnte ich in nahezu jeder Angelegenheit feststellen. Sie drängte sich in etwas hinein und sobald die Sache zum Laufen kam, versuchte sie auf übertölpelnde Weise sie in das Gegenteil zu verkehren! Es war ein festes, sich unweigerlich widerholendes Muster, bei dem das jeweiliges Thema vollkommen gleichgültig war! Sie musste geradezu zwanghaft versuchen, die Bemühungen anderer zu Scheitern zu bringen und hatte sich aus welchem Grund als besonderes Objekt der Begierde mich ausgesucht. Damals allerdings hatte ich ihr Muster noch nicht durchschaut. Ich hatte sie noch sehr lange als Genossin respektiert, ausgestattet mit der Sensibilität und dem Feingefühl einer Asphaltwalze, welche dennoch davon überzeugt war, irgendwann müsse ein Mann des Schlages Prince of Wales auf sie aufmerksam werden und ihr inneres Aschenputtel erkennen. Eine Genossin, die mit der Zeit lernen müsse, auch andere Menschen zu sehen. Das ist klassischerweise zentraler Bestandteil linker Einstellung, wie ich sie verstand: du siehst jeden Menschen von gesellschaftlichen und ökonomischen Faktoren determiniert, über die aber jeder Mensch durch den "revolutionären Prozess" hinauswachsen kann. Es gab auch immer Beispiele dafür; ein Nicaraguaner, der "Mostro", "das Monster", genannt worden war,  galt damals als ein aktuelles für mich, ein mieser Gauner und Zuhälter auf den Straßen Managuas, der durch die sandinistische Revolution zum wertvollen Mitarbeiter am gesellschaftlichen Aufbau mutierte. Alles, was es benötigt hatte, war, seine unglaubliche Energie, die er in die Verwirklichung des Bösen investiert hatte, so umzuleiten, dass er sie zum Nutzen der Allgemeinheit einsetzt! Wobei sich mir auf Dauer durchaus die Frage aufdrängte: "Wieso mischt sich diese Magda ständig in Angelegenheiten anderer Leute, besonders meine, ein, um dann zu versuchen, etwas gänzlich anderes daraus zu machen?! Befremdlich mutete mich auch an, dass sie keinen Unterschied kannte zwischen dem, was als "ziviler Ungehorsam" bezeichnet wurde und gewöhnlicher Kriminalität! Zuletzt stellte sich heraus, dass sie nur eine dieser Gangsterbräute war, die beständig auf der Suche nach Männern sind, die sie nutzen können, um sich über sie Einfluss zu verschaffen, und wenn der unvermeidliche Einbruch der  Realität kommt, sich als verführte Unschuld inszenieren. Manchen Leute sind durch das Linke wirklich aus allem fein raus: können sie sich in den meisten Fällen darauf zurückziehen, nur Summe von Determinanten zu sein, bringt der Feminismus gewißen Sorten von Frauen noch den Vorzug, ihre Entscheidungen im Falle des Scheiterns Männern zuschustern zu können.

Make no mistake here: Menschen treffen ihre Entscheidungen ganz und gar selbst! Führen sie zu Erfolgen, nehmen sie das auch in Anspruch für sich, führen sie in Niederlagen, suchen sie Sündenböcke.

Wir führten damals diese sogenannte "militante Debatte", welche sich nicht mit politischen Zielsetzungen befasste, denn was diese anbelangt, war es unausgesprochener Konsens, es reiche, immer die selben 5 Worte "antisexistisch", "antirassistisch", "antikapitalistisch", "antiimperialistisch" und "gegen Antisemiten" aufsagen zu können, schuld war sowieso an allem Übel das "Gesamtsystem", das "Schweinesystem", sondern lediglich mit der Frage, ob Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele legitim sei oder nicht.

Ich bin nicht stolz drauf, aber wir waren diejenigen, welche diese Frage mit "Ja" beantworteten. Ein solches Umfeld zieht natürlich auch allerhand undurchsichtiges Geschwerl an.

Dass ich nicht stolz drauf bin hat aber weniger damit zu tun! Das könnte ich mir im Zweifelsfalle noch als eine kleine Byroniade zurechtlegen.

Gilt der Einsatz von gewaltsamen Mitteln für eine politische Fraktion, Gruppierung, Minderheit, muss sie für alle gelten! Wo soll das hinführen?

Das beachteten die Linksradikalen nicht, sie fanden, Gewalt anzuwenden sei ihr gutens Recht, andere hätten sich das gefallen zu lassen und sich ihnen zu unterwerfen. Davon war ich nie infiziert: ich brachte immer in die Diskussion ein, dass die Leute natürlich auf radikale Maßnahmen radikale Antworten zu erwarten hätten!

Das ist aber auch noch nicht das schlimmste daran. Here it comes:

Mit eben jene Argumenten, mit welchen wir politische Gewalt legitimiert hatten, zog später die Schröder-Fischer-Regierung in den Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, produzieren NGOs Regime Changes, wütet die NATO heute überall in der Welt herum!

Die "linke Bundesregierung", die "68ger an der Macht", wie sie sich nannten, etablierten den Krieg als legitimes Mittel der politischen Einflussnahme Deutschlands in anderen Ländern!

Die Sätze, welche die dazu nötige Propaganda verwendet, sind die selben. Nur solange sie in der Subkultur verwendet wurden, richteten sie sich gegen den eigenen Staat, das "Schweinesystem", das politische und wirtschaftliche System der Bundesrepublik Deutschland.

Durch die Schröder-Fischer-Regierung begannen sie Staatspolitik der Bundesrepublik Deutschland zu werden und sich gegen andere Länder und Nationen zu wenden. 

Erinnere ich mich an die Geschehnisse im Vorgeld des Jugoslawienkrieges, sehe ich mir Ereignisse des "Arabischen Frühling" an, die "Maidan-Aufstände" in der Ukraine, what's spreading all around, erscheinen die Abläufe mir wie das, was wir all die Jahre getan hatten, im Schnelldurchlauf.

Beachte ich nun noch die engen Verflechtungen zwischen RAF, deren Anhängern und den GRÜNEN, lassen sich einige Schlüsse ziehen, warum die GRÜNEN zusammen mit ihrer Heinrich-Böll-Stiftung die treibende Kraft waren, welche den Februar-Putsch 2014 in Kiew im Westen als "demokratische Revolution" verkaufte und Berichte über die Ukro-NAZIS unterdrückte. Ganz zu schweigen von den wutschnaubenden Veitstänzen, die GRÜNE hingelegt haben, als der Bundesaußenminister Dr. Guido Westerwelle – requiescat in pace – vor den UN nicht für den Krieg gegen die Arabisch-Sozialistische Jamahirija und Colonel Muammar Gaddafi gestimmt hatte!

Das wirft Fragen auf: wessen Instrument waren wir? Wer steuerte uns? Mit welchen Techniken?

Denn dass Leute wie ich nur irgendwessen nützliche Idioten waren, daran kann kein Zweifel mehr bestehen!

 

Das Tohuwabohu, welches sich in den Tagen um Plakat und Demo entwickelte genauer zu schildern macht keinen Sinn, ich würde es aus der Erinnerung auch gar nicht mehr korrekt zusammenbekommen.

Die Affäre kulminierte in einer dieser Vollversammlungen, auf der nun Autonome und Antiimps aus der gesamten Bundesrepublik anwesend waren, die zur Demonstration in Aichach angereist kamen. Soweit ich mich erinnere in einem der großen Säle am Nockerberg oben.

Im Grunde war es eine Gerichtsverhandlung, die über mich abgehalten wurde, der RAF-Agitator hielt den Vorsitz.

Man disputierte über mich, als sei ich gar nicht anwesend. Kein Gedanke daran, ich könnte etwas zum Disput beitragen.

Was ich eventuell zu sagen gehabt hätte, hätte sowieso keiner wissen wollen, es war die finale Runde der Castingshow, jetzt vor bundesweitem Publikum und der RAF-Agitator griff gierig nach der Krone, ich war schon disqualifiziert.

Wenigstens hatte er sich in dieser Situation eine andere Bleibe gesucht. Er war ja jetzt wieder Star, da wächst die Auswahl.

Er wollte sich einige Tage später mit mir treffen, reden.

War mir recht.

Selbstgerecht saß er in dem abgefuckten Cafe im Motorama, das es schon lange nicht mehr gibt, mir gegenüber und quatscht mich an mit dem Satz an "Ich will dir helfen!"

Wie bitte? Geht's noch?

Ich habe ihn bei mir aufgenommen und mein Zimmer mit ihm geteilt.

Ich habe mich für seine Leute eingesetzt, die Initiative ergriffen, wo er und seine Clique versagten. Erst nachdem Aichach problemlos über die Bühne gegangen war, kam in München praktisch etwas in Bewegung. Später entfalteten die Antiimps ihre Aktivitäten sogar von einem GRÜNEN-Büro im Rathaus aus.

Gut, soweit es Luitgard Hornstein betraf, war es meine ureigenste Angelegenheit! In diesem Zusammenhang muss ich ihm sogar dankbar sein, denn ohne ihn wäre das sicherlich nicht in mein Leben getreten. Es war eine traurige Erfahrung, aber eine essentielle!

Wegen ihm bin ich eingefahren. Er hat den Mist, den er gebaut hat, vor allem Leuten auf mich abgewälzt.

Zum Schluss hat der Kerl die Dreistigkeit, von oben herab mich anzuquatschen "Ich will dir helfen!"-? Wobei überhaupt? Womit?

Sprachlos saß ich da. Wie in Trance stand ich auf und verließ das Cafe. Ich hatte mich nicht verabschiedet.

"Was für eine Ratte!" Dieser Satz füllte meinen Kopf aus.