Eintrag 5: Lost in Oblivion

Eintrag 5: Lost in Oblivion

 

Als ich die Station betrat, drehte ich nicht auf dem Absatz gleich wieder um. Ich wusste, ich checke in eine Psychiatrische Anstalt ein, nicht in ein 5-Sterne-Kurhotel. Ich bin es gewohnt unter widrigen Umständen zu leben und mit skurrilen Gestalten zu verkehren. Im ersten Eindruck war es auf der Station ziemlich ruhig und hygienisch.

Ich wurde einer noch jungen, freundlich und entschlossen wirkenden Ärztin vorgestellt.

Sie verschaffte sich einen ersten Eindruck von mir und verabreichte mir ein Medikament.

Ich legte mich schlafen. Ich schlief lange. Bis in den übernächsten Nachmittag.

Ich sah mir die Station an. Esszimmer, Raucherzimmer, Balkon – vergittert damit keiner springen kann, verglaster Aufenthaltsraum mit Fernseher, verglastes Stationszimmer für die Schwestern und Pfleger. Alles sehr ruhig, nur das Raucherzimmer war voll.

Ich setzte mich in den Aufenthaltsraum und zappte die Programme durch. Irgendwo lief "Niagara". Passte gerade. Inhaltlich nicht mein Stil, aber dramatisch wirkungsvoll. Ich sah mir erstmal den Film an.

Danach Abendessen. Die Patienten tröpfelten nacheinander herein, nahmen schweigend ihre Mahlzeit zu sich und gingen wieder.

Diese Aufnahmestationen kann man die ersten Tage nicht alleine verlassen. Sie dienen der Beobachtung und Einschätzung des Patienten.

Ich verspürte das Bedürfnis nach Musik. Etwas ruhiges, Mendelssohn, Pfitzner, in der Art. Ich hatte nichts, womit ich hätte Musik hören können.

Also fragte ich beim Personal nach, ob ich Stift und Papier haben könnte, was sie mir gaben; ich schrieb einen kurzen Brief an den Vater, wo ich sei und ob er mir einen Discman mit ein paar CDs vorbeibringen könne.

Am Sonntag kam dann meine Schwester einen vorbeibringen. Es freute sie nicht, aber sie tat es. 

Ob sie etwas Zeit habe; – naja, schon, aber; – Da die aktuell für mich zuständige Ärztin heute arbeitete, hielt ich es für eine gute Idee, nach einem kurzen Gespräch zu dritt zu fragen, was diese gerne in ihren dicht gedrängten Zeitplan einräumte.

That was odd, to say the least.

Meine Schwester hielt der Ärztin einen Monolog über "mein Papa", "meine Mama", wie sie sich ausdrückte, ganz als sei sie Einzelkind gewesen. War sie ja irgendwie auch. Das ganze hatte den Charakter, als wolle sie manifestieren: das sei ihre Familie gewesen, mich gibt es zwar rein theoretisch, ich sei aber nicht Teil. Sie vergaß dabei auch nicht zu erwähnen, dass ich, als unsere Mutter bereits auf der Krebsstation lag, ein Wochenende nach Berlin gefahren war. Berlin ist ja nicht gerade am anderen Ende der Welt und ich hatte dort zu tun. In dieser Zeit hatte ich Zivildienst absolviert, der damals 20 Monate dauerte. Genauso gut hätte man mir vorwerfen können, dass ich die dafür vorgesehenen Stunden des Tages arbeiten gehe statt am Krankenbett unserer Mutter zu sitzen. Dieses Wochenende mir vorzuwerfen gehörte zu den Standards unseres Vaters.

Dann machte sie Ausführungen über eine politische Verortung unseres Vaters, und das in einem Ton, als würde sie die Welt nun über eine tiefe Wahrheit aufklären: "Mein Papa ist nicht rechts, er ist eher links!" An dieser Stelle ließ ich es mir nicht nehmen, einen provokanten Einwurf zu machen betreffs einer blödsinnigen Aussage, die der Mann einmal gemacht hatte, welche ich hier nicht widerholen werde, da sie zu Mißverständnissen führen würde, die den Zweck hatte, meine Schwester als Person vorzuführen, die eh nicht weiß, wovon sie hier redet, was mir auch gelungen war.

Ich war zwar von einem anderen Thema ausgegangen, als dem der politischen Verortung (Verortung! – wieder so ein blasiertes Studentenwort!) "ihres" Papas, aber die Selbstschutzinstinkte der Familie gegen eine über mich gebildete und sorgsam gepflegte Wahnvorstellung waren offensichtlich das Dringlichste in der gesamten Affäre. Die Psychiaterin machte einen klugen Eindruck auf mich, so vermochte ich mich im Wesentlichen mit der Rolle des Zuschauers vermengt mit der eines durch ein Medium gestellten Hausgeistes abzufinden und ging davon aus, dass sie schon korrekte Schlüsse aus der Szene ziehen wird.

Der Vater hatte Ansichten über das eine oder andere Thema. Wie alle Leute Ansichten über das eine oder andere Thema haben. Von einem politisch konsistentem Denken konnte bei ihm in keiner Weise die Rede sein.

Über diverse politische Entscheidungen drückte er Unmut aus, der war aber nicht groß genug, um ihn selbst zu politischem Handeln zu bewegen.

Sympathien oder Antipathien einzelnen Parteien gegenüber leitete er vom Auftreten der Führungspersönlichkeiten ab.

Franz Joseph Strauß mochte er nicht. "Den Fleischergesellen" nannte er ihn gerne.

Herbert Wehners Auftritte im Bundestag gefielen ihm.

Also wird es wohl so sein, wie sie sagt. Herbert Wehner galt als Linker. Deutscher Anarchist, der irgendwie in das Zentralkomitee der KPDSU aufgestiegen war und in der Bonner Republik für die SPD im Bundestag saß.

Nicht ungewöhnliches dabei. Politik ist eine Ware, die von Politikern verkauft wird. Darüber, wer die Ware herstellt, wird viel spekuliert. Politische Meinungen kommen irgendwie zustande. Viele halten sich schon für kompetent, wenn sie eine BILD-Zeitungsüberschrift semantisch erfasst haben. Alles mögliche spielt ein Rolle. Sie auf einen fundamentalen Tiefenblick in die Natur der gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhänge zurück zu führen gehört in der Regel zu den Legenden, die man sich gerne selber einredet. Man fühlt sich damit intelligenter und weniger beeinflusst, fremdbestimmt. Das ist ähnlich wie mit Religion, die man glaubt, weil sie schon sehr lange vor einem da war.

Der Vater war also kein "Rechter" hatte die Ärztin erfahren sollen.

Na und?

Was hat das mit jetzt und hier zu tun?

Das ist es also, was aus mir geworden war: irgendeine Moaning Myrtle (003) in der Klapse, zu der andern nichts einfällt als irgendeine politische Meinung.

Politik war überhaupt nie mein Ziel. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, Politik könne überhaupt ein Ziel sein. Auch nicht, als ich aktiv war. Sie war ein Mittel. Meiner Auffassung nach war es bei sogenanntem politischem Engagement darum gegangen, spezifische Fragen zu lösen, lösen zu helfen, die die Bedingungen des Daseins in einem Land oder auf dem Planeten betreffen, um die Voraussetzungen zu gewährleisten, die die optimale Gestaltung des Lebens ermöglichen. Das hatte sich nur verselbstständigt. Ich nehme an, weil keine einzige der Angelegenheiten, um die es mir gegangen wäre, in Richtung irgend einer Lösung beeinflussbar war! Dann fängt es im Gehirn an, zu einer Art Selbstläufer zu werden und konsumiert das gesamte Leben. Mein Leben. Klingt irgendwie nach einer Art Drogensucht, kann das sein?

Genau genommen hatte Politik ursprünglich mit mir rein gar nichts zu tun.

Ich startete als Typ, der stundenlang vor einem Blatt Papier sitzen konnte und sich damit beschäftigte, wie er einen Gedanken maximal präzise durch ein Sonett ausdrückt und welche Reimanordnung die jeweils optimale sei, etwa:


 

 a   a   a

b   b   b

b   a   a

a   b   c


 

b   b   b

a   a   a

a   b   c

b   a   a


 

c   c   b

d   c   b

e   d   d


 

c   d   d

d   e   e

e   e   e


 

usw., man kann selbst weiter machen, welche Kombinationen möglich sind. Viele studierte Literaturwissenschaftler bestehen auf einer einzigen Variante. Dichtern kann es egal sein, was Literaturwissenschaftler sich zusammendenken. Ob sich durch diese Formgebung und die Ausreizung ihrer Möglichkeiten ein Zusammenhang zwischen ästhetischer Gestaltung und Inhalt herstellt? Das ist die Frage, die den Dichter interessiert.

Davon ab, dass ich beschäftigt bin, reiner Müßiggang.

"Müßiggang ist der Amboß, auf dem alle Sünden geschmiedet werden."

Ich befasste mich mit einem Produkt, dem Sinnlosigkeit anhaftet. Nicht generell. Petrarca, Shakespeare, Rilke usw. würde ich nie für sinnlos erklären. Ich hielt nur meine eigenen Versuche für sinnlos.

Dichtung, verdichten, die maximal präzise Ausdrucksweise für etwas finden in 14 durch 2×4 und 2×3 geordnete, mittels Reim aufeinander bezogene Zeilen, die einem Rhythmus folgen. Die strenge Form zwingt zur Komprimierung, entfernt das Überflüssige.

Der Unterschied zwischen mir und bekannten Vorgängern lag darin, dass ich mir keines Inhaltes sicher genug war, um diese Art der Gestaltung angemessen erachten zu können und in leeren Worten keinen Sinn sah. Wozu ein Text, dem der eigene Verfasser nicht vertraut?

Das Gedicht, das durch sich selbst existiert, wird gemessen an der Quantität, in welcher Gedichte hergestellt werden, selten erreicht! Ganz abgesehen davon, dass Lyrik ein Produkt ist, das in großen Mengen hergestellt wird und nach dem nur geringer Bedarf besteht.

Andere üben ein Instrument oder machen Bands.

Musik hat es hier einfacher, da sie auch textgebunden der Konkretheit des Begriffs nicht notwendig bedarf.

Nehmen wir einen Rock'n'Roll-Song. Die Texte sind pures Dada, kompletter Blödsinn, die Songs funktionieren solange Menschen tanzen doch!

'guess ya all know what I'm talking:

 

Ich wuchs nicht zuhause auf. Ich wuchs in Internaten auf. Meine Schwester war eine brave Tochter. Ich war schwierig. Unser Vater hatte sehr viel Arbeit mit der Praxis. Mich noch aufzuziehen war zu viel Arbeit.

Das waren allerdings nicht die Internate, von denen die notorisch neiderbosten Linken gerne phantasieren, weil sie sie für luxuriöse Ganzjahres-Ferienlager für Kinder reicher Eltern halten. Es waren mehr Verwahrstationen für ausgelagerte Kinder. Als ich aus dem ersten wegen schlechter Zensuren herausgenommen wurde, trug sich dort gerade ein Fall zu, dass der Ehemann einer der Erzieherinnen sexuellen Verkehr mit einer 15-jährigen Schülerin hatte. Es gab ein Jungenhaus und ein Mädchenhaus. Heute ist der Laden geschlossen. Keine Ahnung, ob meine Eltern davon Wind bekommen hatten oder nicht. Wenn, dann sprachen sie jedenfalls nicht darüber. Man redete nie über irgend etwas. Ich nehme aber an, sie wussten nichts davon, da mit Ausnahme schulischer Zensuren, die sie von mir einforderten und dass ich mich in der Öffentlichkeit "anständig benehme" mein Leben sie exakt 0,0-Periode interessierte. Ich hatte Jahre später mit diesem Mädchen, welches ich in dem Internat gut gekannt hatte, noch einmal Kontakt aufgenommen. Sie war immer etwas wild gewesen. Die erste Person, die ich kennenlernte, welche eine wirkliche Punk-Attitude hatte. Der Punk war gerade aus dem UK rübergekommen. Viele redeten darüber. Aber mit ihr hatte er sich von Anfang an verschmolzen. Jahre später nahm ich noch einmal Kontakt zu ihr auf, es war nur ein kurzes Gespräch ohne Thema. Sie war bereits derart der Heroinsucht verfallen, dass sie schon gar nicht mehr wirklich auf diesem Planeten weilte. Soweit ich erfuhr, war sie nicht die einzige aus diesem Internat, welche von der Heroinsucht dahingerafft wurde.

In der Zeit außerhalb der Unterrichtsstunden gab es für mich rein gar nichts zu tun.

Die anderen Jungs spielten Fußball. Ich mochte Fußball nicht.

Ich verbrachte meine Zeit mit Lesen. Romane aller Art und Dichtungen: Theaterstücke, Lyrik, Versepen. Die Literatur entdeckte sich schnell als mein Fenster zur Welt. Meine Meinung über das sogenannte "Bildungssystem" klärte sich, als der Zufall mir Aldrous Huxleys "Brave New World" in die Hände legte.

Ich versuchte mich auch an Philosophen, da ich von ihnen Einsichten in die Natur des Lebens erwartete, die verstand ich aber nicht. Zu abstrakt.

Der Haken dabei war: all diese Bücher beschrieben Zeiten vor dem 3. Reich und andere Länder oder bewegten sich in erdachten Realitäten, wie es Götterlegenden taten oder der Science Fiction. Rußen und Franzosen bevorzugte ich vor allem. Die Realität der Zeit und des Landes, worin meine Gegenwart stattfand, kam darin nicht vor.

Man schnappt Dinge auf. In Gesprächen, auf Straßen, in Zeitschriftengeschäften, sonstwo.

Sowohl in der Schule als auch von den Betreuern war der NS-Staat, die NS-Zeit das Dauerthema. Ich stellte sie mir als ein auf die Erde durchgebrochenes "Inferno" Dantes vor, das ich in mehreren Übersetzungen las. Reclam-Ausgabe. Stefan George. Andere.

Damals, Ende der 70ger, Anfang der 80ger konnte man es überall hören, es war sehr verbreitet: "Der BRD-Staat steht in Kontinuität zum NS-Staat!" Und es wäre eine allgemein anerkannte Tatsache, dass die Linke den Widerstand zum NS-Staat bildete.

Das einschneidende Jahr 1977 und die Folgen hatte ich aufgenommen, verfügte jedoch nicht über Informationen und geistigen Instrumentarien, die Ereignisse angemessen zu reflektieren.

Die Schuljahre gehen vorüber.

Der lebenszugewandte Teil meiner Generation war Punk und New-Wave.

Pick a side! 

Politisch werden war links werden.

Ich forderte meinem politischen Handeln einen Sinn ab! Möglicherweise den Sinn, den ich woanders nicht sehen konnte. Und je nutzloser es sich entwickelte, desto verkniffener biss ich mich darin fest!

Der Rest war Verselbstständigung.

Erwähnte ich das schon -?-: man wird davon engstirnig!

Was soll's, die Radikale Linke hatte für sich den Anspruch formuliert, Gegenentwurf zu dem zu sein, was sie als "herrschende Gesellschaft" bezeichnete, schaffte es aber nicht im winzigsten Ansatz, sich eine existenzfähige, geschweige denn entwicklungsfähige Struktur zu geben. Man braucht das gar nicht hochrechnen, was dabei hätte rauskommen können, wäre diese Bewegung zu einer führenden politischen Kraft geworden, das stand weit außerhalb ihrer potentiellen Möglichkeiten. Sie hatte nichts, was ohne dem "System", welches sie zu ihrem Feind erkor, auch nur 24 Stunden überlebensfähig gewesen wäre. Genau genommen war sie nie etwas anderes als absurdes Theater in Echtzeit-Format innerhalb des Systems.

Sind Faktoren, die mich hierher geführt hatten durchaus in politischen Zusammenhang zu setzen, die politische Verortung meines Vaters hatte damit nichts zu tun. Beziehungsweise nichts direktes.

Indirekt schon.

Auf der individuellen Ebene ist Politik häufig nur eine Maskerade, hinter der Angelegenheiten ausgetragen werden, welche zu benennen die Beteiligten sich scheuen.

Auf der allgemeinen Ebene ist es tatsächlich die Macht der Politik, welche die Rahmenbedingungen diktiert, unter denen die Menschen ihr Leben führen müssen.

Nicht die einzelner Politiker; nicht die einzelner Parteien. Die Macht der Tatsache Politik.

Das Leben dieses Mannes war geprägt von einem spezifischen Trauma!

Obwohl er es zum Facharzt für Orthopädie gebracht hat, war er nie darüber hinweggekommen, ein gescheiterter Künstler zu sein.

Er wurde 1931 in Jablonez, Gablonz, wie es damals hieß, Böhmen geboren.

Die Welt, in die er hineinwuchs, war das sogenannte "Sudetenland" unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Die Welt davor hatte er ebenso viel oder wenig gekannt wie wir sie heute kennen. Zeiten, aus denen Menschen erzählen, die alt genug sind, Leben, über das in Büchern geschrieben steht.

Sein Jugendtraum war es, der Spieler der Solo-Violine zu werden. Es wurde gesagt, er konnte als Junge den Solo-Part von Beethovens Violinkonzert spielen. Ich kann das nicht beurteilen, ich habe ihn nie mehr als ein Ave-Maria an Weihnachten spielen hören.

Mit der Neiderlage Deutschlands und der Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren war dieser Traum buchstäblich dem 2.Weltkrieg zum Opfer gefallen. Nach Flucht, Arbeitslager, Auffanglager usw. war an eine Karriere als Instrumentalist nicht mehr zu denken. Das nahm Jahre in Anspruch, in denen er kein Instrument hatte, und die konnte er nicht mehr aufholen.

Dass er Antikommunist im politischen Sinne gewesen sei, wäre eine Fehlinterpretation. Er hasste die, wie er sie nannte, "Bolschewisten", das wohl, aber das lag daran, dass er sie für seine und seiner Familie Vertreibung aus der gewohnten Heimat verantwortlich machte. Den Sturz des Ostblocks 1989 empfand er als eine Art persönliche Genugtuung.