Eintrag 7: Das Schlachtfeld Gottes und des Satans

Eintrag 7: Das Schlachtfeld Gottes und des Satans

Im 19.Jahrhundert beinhaltete Politik Elemente von Philosophie und poetischem Pathos.

Der Grundkonflikt der Menschheit seit ihrem Anbeginn findet ihren Niederschlag in einem Begriffspaar.

Im Feld der Politik sind das:

Konservativ

                   versus

                              progressiv

oder

                         links

             versus

rechts

Ein Grundkonflikt, der sich auslebt in

      apply to the rules

      versus

      breaking the rules 

Hielte sich niemand an Regeln, versänke die Welt im Chaos und Leben würde unmöglich.

Bräche niemand die Regeln, lebten wir uns immer noch in Höhlen und fürchteten uns vor Säbelzahntigern.

Beide haben also nicht nur Berechtigung, beide sind notwendig.

Es gehört Demut dazu, sich nach Regeln zu richten, die einem aufgezwungen sind.

Es bedarf der Arroganz, sich über die Regeln, die für alle gelten, hinwegzusetzen.

Die Mythologie der Buchreligionen beschreibt diesen Konflikt als Krieg zwischen Gott und Satan.

Das Schlachtfeld ist das Leben der Menschen.

Gott der Stifter der Regeln, Satan der Zerstörer der Regeln. Luzifer, der Lichtbringer, schickt sich an, Gott vom Thron zu stürzen.

Das hatte seine Analogie auch in den Religionen, welche von den Buchreligionen verdrängt wurden. Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt.

Sie führen den Schlag aus, der alles verändert, persönlich scheitern sie dann an der Macht der Hüter der Ordnung.

Dass es in der Politik als "rechts – links" benannt wird, kommt aus dem 19.Jahrhundert und ist, wie es erzählt wird, auf einen reinen Zufall zurück zu führen: in der Paulskirche saßen die Monarchisten rechts und die Sozialisten links.

Interessant, dass die Versammlung in der Paulskirche gleich der gesamten Welt die Sprache aufgedrückt hat. Schließlich gibt es älter Parlamente, das britische, das amerikanische, das französische, italienische Staaten hatten Parlamente, deren Ursprung bis in die Antike zurückreichten.

Noch nicht einmal in Deutschland ist es das älteste. Die Stadt Mainz hatte1793 3 Monate lang eines. Die "Mainzer Republik", eine ultraradikale Entgleisung und die damaligen Konservativen drängten auf deren restlose Vernichtung.

Ansichten, wie sie heute von diversen Konservativen geäußert werden, damals hätten sie als Ultralinksradikalismus gegolten, für den man sie füsiliert hätte.

 

In der Linken hat sich aus diesem Spannungsfeld heraus Hegelianismus, bzw. der Marxismus als führende Weltanschauung durchgesetzt.

Wie eine Religion, die aus dem Wunsch heraus erwuchs, in dieses Spannungsfeld eine zielgerichtete Entwicklung hineininterpretieren zu wollen.

Man fühlt sich dann so, als vollende man nur einen historisch gebotenen Auftrag. Es legitimiert das Brechen der Regeln. Eine anonyme Macht, die Geschichte, rechtfertigt das eigene Handeln.

Ich denke, der wesentliche Grund, warum der Marxismus zu solchem Einfluss gelangte, da das 18. und das 19. Jahrhundert viele "Lehren" hervorgebracht hatten, war, dass er Lenin half, das Russische Reich zu stürzen und durch die UdSSR zu ersetzen! Lenins Sieg, der Aufstieg des Marxismus zu einer führenden Weltreligion!

Lenins Sieg, Anlass für Mythenbildung aller Art.

Die UdSSR entwickelte auf der Basis des "Historischen Materialismus" ihre eigenen Form der Geschichtsschreibung, der Geschichtsinterpretation, der Wertesetzung. Symbolik Ästethik, Sprache. Überall in der Welt fand die neue Religion Anhänger. Der Glaube an einen linearen Fortschritt gehört in den Bereich der Mythologie.

Die Gegner des Marxismus kamen mit den diversesten Verschwörungstheorien daher. Geheime Zirkel, die irgendwo im Hintergrund verborgen die Fäden ziehen und für Jahrhunderte die Geschicke der Menschheit vorausplanen.

 

Dabei kann man sich Lenins Sieg wesentlich banaler und menschlicher erklären!

Er sah zu, wie sein älterer Bruder hingerichtet wurde. Er schwor Rache. Der erste Weltkrieg zerstörte die Stabilität aller europäischen Staaten und bot ihm die Möglichkeit, seine Rache zu vollenden.

Tatsächlich herrschte in der UdSSR unter Lenin nahezu grenzenlose Freiheit.

Nur: die UdSSR funktionierte nicht!

Die UdSSR begann erst zu funktionieren, als sich in der Politik Stalins eine Sonderform des Konservatismus etablierte!

Was Stalin tat, war im Grunde nichts anderes als die Widerherstellung des Zarenreiches unter der Verwendung einer neuen Religion!

Der Marxismus hatte das Christentum ersetzt, die KPdSU die Orthodoxe Kirche und den Hof.

Das bestreitet nicht, dass die Kommunisten einen Punkt hatten: ohne die Klasse der Arbeiter und Bauern ist nichts möglich! Keine Ernährung, keine Kultur, gar nichts.

Ein Erfinder hat keinen Zweck, wenn seine Ideen nicht umgesetzt werden können, und für die Umsetzung sind in der Regel Arbeiter nötig; ein Konzert könnte ohne Location und Instrumente nicht stattfinden, die irgendwer gebaut haben muss usw.

Der Marxismus erklärt aus Besitzverhältnissen heraus und ignoriert alles andere. Er musste scheitern.

Schon dass er an die Macht gelangte, hatte mit Besitzverhältnissen nichts zu tun. Es war persönliche Rache! Nicht Lenins alleine. Die technologischen Möglichkeiten der Kriegsführung, wie sie im ersten Weltkrieg zum Einsatz kamen, stießen das Tor zur Hölle unbekannten Ausmaßes auf. Das erzeugte im Volk solchen Hass gegen Aristokratie und Priesterschaft, welche das Volk in diesen Krieg getrieben hatten, dass es beide verjagen wollte.

Die "Befreiung der Produktivkraft", in der Art, wie der Marxismus von ihr spricht, trat nicht ein. 

Das Produktive benötigt das Böse wie es das Gute benötigt, es benötigt das Vernichtende, wie es das Erschaffende benötigt!

Der wahre Gegensatz zur Moral ist Produktivität des Individuums!

Auf dem Schlachtfeld Gottes und des Satans kämpfen Stabilität versus Veränderung.

Manche Veränderung ist nützlich, andere Veränderungen wirken sich schädlich aus.

In der Philosophie wird die Moral seit ihrem Anbeginn diskutiert.

Man kann sagen: die Religion gab in der Antike die Moral vor und der Ursprung der Philosophie liegt in der Infragestellung der Moral!

Etwas ungenau formuliert: eine Sache beginnt falsch zu werden, sobald sie Moral wird! Sie wird zum geschriebenen und ungeschriebenen Sitten-Regelwerk, das keine Entsprechung in der Realität mehr hat!

Als Beispiel nehme ich den Absturz des Feminismus in den Militarismus!

Klassischerweise gehören beide, Antimilitarismus und Feminismus, der Linken an.

Das war eigentlich immer eine Selbstverständlichkeit.

Bis zu dem Zeitpunkt, als es zum Bestandteil der "Frauenbefreiung" wurde, Frauen als Soldatinnen zu rekrutieren!

Die Unterstützung eines Runs von Mädchen in die Bundeswehr wurde zur moralischen Pflicht, weil es zu den Bestrebungen der Feministinnen gehörte.

In der Tat ist das eine Konsequenz aus der Moral der Linken. Frauen für den bewaffneten Kampf zu rekrutieren gehörte zu den wesentlichen Elementen der militanten Linken.

Dass dies im Widerspruch zu Antimilitarismus gerät, gehörte zu den normalen kognitiven Dissonanzen der Linken. Es wurde hergeleitet aus der Beteiligung von Frauen am Sturz des Faschismus.

Stolz präsentieren heutzutage nahezu alle Armeen ihre Frauenbataillone.

Es ist aber nicht das selbe, ob Frauen aus Notwehr zur Waffe greifen, oder ob der Militarismus gestärkt wird, indem er in den Feminismus integriert wird!

Hurrrraaah! Die Männerdomäne Militarismus wurde gestürmt!

Man sagt jetzt "unsere Soldatinnen und Soldaten" und findet sich fortschrittlich, eine Kriegsministerin zu haben.

Es ist sogar extrem schädlich, denn klassischerweise erzieht man Männer dazu, Frauen und Kinder zu schützen, Gewalt gegen Frauen und Kinder zu unterbinden.

Militärische Karrieren von Frauen mögen der Gleichheit entgegenkommen. Nur taucht daran die Frage auf: Egalität oder Gleichmacherei? Nicht alles muss sein, nur weil es möglich ist!

Ich bringe ein Beispiel, Andrea Wolf!

In Kreuzberg am Cottbuser Tor und in der Oranienstraße hingen diese kopierten Plakate, die Andrea als Heldin feierten. Unsere Genossin, gefallen in Kurdistan. Ich zuckte zusammen, denn ich kannte Andrea.

Andrea kam aus München.

Es war nichts besonderes daran, Andrea zu kennen. Alle kannten Andrea.

Meiner Beobachtung nach war das Schlüsseltrauma in Andreas Leben der Tod ihres älteren Bruders gewesen.

Der stürzte eines Abends aus dem Fenster einer stark frequentierten Szene-WG, die in einem oberen Stockwerk lag. Andrea war an diesem Abend ebenfalls anwesend.

Er war sofort tot.

Es war nie klar geworden, ob es ein Unfall war oder ob er sich absichtlich hatte fallen lassen.

Die Kunde verbreitete sich schnell in der ganzen Stadt.

„Das System hat ihn umgebracht!“ war die unanzweifelbare Interpretation.

Das System hat ihn umgebracht.

Ein vernünftiger Mensch hätte spätestens hier erkennen können, dass wir gar keine politische Bewegung, sondern dass wir eine esoterische Sekte gewesen sind!

Das System hat ihn umgebracht.

Keiner hatte diesen Satz angezweifelt, zumindest nicht laut.

Das entsprach 1:1 einer christlich-fundamentalistischen Sekte; wie wenn jemand gesagt hätte: „Der Satan stieß ihn aus dem Fenster!“ und alle wären zusammengezuckt: „Hilf Gott, der Satan!“

Von diesem Tage an konnte man regelrecht beobachten, wie Andrea nach und nach dem Wahnsinn anheimfiel, wie der Wahnsinn sich exponentiell zunehmend in ihr ausbreitete!

Aber wir empfanden sie nicht als wahnsinnig!

Ich empfand sie nicht als wahnsinnig. Ich sah sie eher als eine Art Ronin, einen herrenlosen Samurai.

Irgendwann war es das so besonders streng gehütete Geheimnis, dass es wohl in der gesamten Stadt niemanden linkes gab, dem es nicht unter vorgehaltener Hand gesteckt wurde: Andrea ist in der RAF! Ob das wahr war oder nicht, ich weiß es nicht. Ein paar Studentchen, welche näher mit ihr zu tun hatten, kamen sich damit ganz besonders wichtig vor.

Boh, ich kenn‘ eine von der RAF!

Wahr ist, dass sie irgendwann in Kurdistan in einem Frauenbataillon gelandet ist. Von dort schrieb sie laute Briefe an die Allgemeinheit. Als sei sie am Ziel ihrer Träume angekommen.

Das war von Anfang an ein Selbstmordkommando. Sie war körperlich gar nicht in der Lage, den Soldatendienst zu versehen.

Ich selbst hatte ihr in Wackersdorf die Schulter einrenken müssen, da sie sich die bei heftigen Bewegungen häufig ausgekugelt hatte.

Ich konnte das, da ich durch meinen Zivildienst auf der Pflegestation im Altenheim Erfahrung darin hatte.

In Kreuzberg sah ich da und dort ein Plakat, auf dem sie als Heldin gefeiert wurde. Heldin… Ein wildes Kind, das ein trauriges Ende nahm!

Doch die traurigste von allen ist ihre alleinerziehende Mutter, welche beide Kinder vor der Zeit verloren hatte!

„Werde Heldin, Mädchen, zieh in den Krieg!“ – das ist die Aussage solcher Plakate! Befriedigt das irgend etwas anderes, als primitive Sensationslust?

Oder nur die Darstellung eines tödlichen Ereignisses, wie Dummköpfe es sehen?!

Ist das Leben nicht toll, man kann alles tun, es ist alles nur Entertainment, nichts ist dabei, wofür man Verantwortung übernehmen müsste. Militarismus ist Fortschritt. Freiheit ist Sklaverei.

Zieh in den Krieg! Das klingt so tough und abenteuerlich. Lagerfeuer und Pistolen. Toner und Blut. Nur suche dir dafür die Armee, mit der wir sympathisieren.

Die Dummen sind die gefährlichsten. Sie sind immer Unschuldige. Sie lernen nicht aus den Geschehnissen.

Andrea hatte sehr viel für München getan. Sie verfügte über die Fähigkeiten, Dinge bewegen können und sie war authentisch. Sie half, Verkrustungen aufzubrechen. Sie hätte wichtig bleiben können, würde sie sich nicht verirrt haben.

Sie konnte Menschen Mut machen, sich gegen ungerechtfertigte Übergriffigkeiten zu wehren. Dafür sollte sie in Erinnerung gehalten werden, nicht für die Beteiligung an einem Krieg, der nicht der ihre war!

Denn zeichnete nicht genau das unsere Generation aus: wir alle kämpften Kämpfe, die nicht unsere waren und vermieden solche, die es gewesen wären.

Andrea hatte in zweierlei Hinsicht sogar Gemeinsamkeiten mit Lenin: sie war eine Linke und sie nahm Rache für den Bruder!

„Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird!“ Ist man emotional involviert, kocht das Blut und sie verbrennt den Rächer/die Rächerin!

Es ist die gemeinsame Arbeit der Einzelnen, die das Gesamte erzeugt und es ist die gemeinsame Arbeit der Einzelnen, die das Gesamte einreißt. Einige haben größeren Anteil daran als andere.

Egal, auf welcher Seite des Schlachtfeldes man kämpft: man muss den Moment erkennen, wann man aufhört, im Recht zu sein! Es wird immer eine Sache durch eine andere abgelöst. Das hat aber nichts mit Fortschritt zu tun. Es ist keine geradlinige Bewegung. Es hat mit Generationen und Moden zu tun. Kinder reagieren auf die Welt, in die sie hineinwachsen. Sie können sie nicht erklären. Sie durchbrechen, wodurch sie sich behindert fühlen und suchen sich dann ihren Platz. Sie greifen die Ideen auf, welche ihnen attraktiv erscheinen. Die meiste Gestaltungskraft haben die Ideen, welche von den Starken aufgegriffen werden. Das müssen nicht die besseren sein. Das müssen nicht die schlechteren sein. Was sie taugen, erfährt man an ihren langfristigen Auswirkungen. 


Mary Wollstonecraft, Percy Bysshe Shelley, Lord Byron, Dr.Polidori