Eintrag 9: Initiation

Eintrag 9: Initiation

Erkundet man die Realität, beginnt es mit einer Vorstellung.

Die setzt sich zusammen aus Bruchstücken von Informationen und wie man diese Bruchstücke zusammensetzt.

Je mehr Bruchstücke man hat, desto genauer kann man seine Vorstellung der Realität annähern, wobei es natürlich auch auf das Talent ankommt, Verbindungen zwischen solchen Bruchstücken herstellen zu können.

Notwendig ist es dafür, mit den Dingen in Berührung gekommen zu sein, sonst bleibt man auf seine Phantasie zurückgeworfen. Ohne die Berührung gelingt es nicht, falsche Informationen von korrekten unterscheiden zu lernen.

Was ich zu lernen hatte, war ganz allgemein die Anerkennung der Realität! Es gibt keine Alternative zur Realität. Also muss man einen Weg finden, sich in der Realität zurechtzufinden, eine Angelegenheit, die mir bislang noch nicht wirklich gelungen ist!

Die Realität ist zynisch: ich kann ich mich auf dieser Basis beurteilt überhaupt nicht beschweren, die Sache war lehrreich! – Ich lernte nur etwas anderes, als das, was ich vom Bewusstsein her anstrebte!

Zu den Ergebnissen kam ich freilich nicht sofort, es war ein Prozess, der die gesamte Geschichte, einige Jahre, hindurch andauerte!

Und der Prozess bestätigte was ich vergessen wollte: ich überantwortete mich dem Staat; als Linker gibt man sich gerne der Illusion hin, der Staat habe die Aufgabe, das Funktionieren des Gemeinwohls zu organisieren; aber der Staat ist nur eine Bedingung des Daseins, etwas, das lange vor einem selbst existierte und nach einem weiter existieren wird, und Staat und Individuum sind natürliche Feinde! 

 

In dieser WG der Firma Hipsy wurden mir 2 dumme Kinder als Therapeuten vor die Nase gesetzt.

Ein Er-Psychologe und eine Sie-Sozpäd.

Der Typ war ein ziemlich grüner Junge, der erst kürzlich sein Studium abgeschlossen hatte und nun mit einer "Klasse Mann, ich bin jetzt 'n echter Psychologe!"-Haltung durch die Welt lief. Verstehen Sie mich mich nicht falsch, ich respektiere das, wenn jemand ein Studium erfolgreich abgeschlossen hat. Es steckt sehr viel Arbeit und Disziplin darin. Nur gibt es mit solchen Akademiker-Frischlingen häufig ein Problem: sie leiden unter grober Selbstüberschätzung und achten die Welt nur mehr als Kugel unter ihren Füßen! Viele Leute studieren, weil sie das für die Eintrittskarte zu einer Elite sehen und nicht als Berufsausbildung.

Bei ihr war es ein wenig problematischer. Irgendeine Mischung aus Beziehungs- und Feminismusproblem.

Sie war eigentlich Sozpäd im Bezirkskrankenhaus, daher kannte ich sie auch, und betätigte sich in dieser Firma Hipsy nur als Vertretung für eine Kollegin, welche niedergekommen war.

Im Bezirkskrankenhaus war sie mit einem höherrangigen Psychologen liiert. Das halbe Jahr, welches sie Urlaubsvertretung bei Hipsy machte, diente ihr quasi als Übung, ebenso toll zu werden wie ihr Lover.

Im Laufe meines Lebens habe ich eine Menge Leute kennen gelernt, die es für ein voll Spitze Hobby halten, die Lebenszeit anderer Leute sinnlos zu vergeuden.

Jetzt bekam ich es mit Leuten zu tun, die es für die noch viel tollere Idee halten, dieses Hobby zum Beruf zu machen!

Der Spruch fällt einem ein: "Man muss nicht verrückt sein um hier zu sein, aber es hilft!" Ich glaubte viel zu lange daran, dass diese Menschen eigentlich gutartige Absichten verfolgen und nur bei der Umsetzung Fehler machen. Auf Dauer mutiert das zu einem anderen Spruch, den unlängst jemand erwähnte: "Wenn das die Lösung ist, will ich mein Problem zurück!"

Man bezahlt Leute, damit sie Personen, die sie nicht interessieren bei der Lösung von Problemen helfen, die jenseits ihres Horizontes liegen.

Mit dem geistigen Horizont ist es wie mit dem physischen Horizont: man kann nicht darüber hinausblicken!

Der geistige Horizont dieser beiden reichte, soweit ich Erfahrung mit ihnen gemacht habe, nicht weit über die Studentenkneipen, die sie frequentiert hatten, hinaus.

Es wurde so ziemlich sofort klar, dass es komplett unmöglich wäre, irgend ein Thema von Relevanz gegenüber diesen Personen anzusprechen, da sie nicht über die Kapazität verfügten, es auch nur ansatzweise zu erfassen.

Ihre Kapazität reichte von Problemen wie "Nie geht mein Freund Sonntag Nachmittag mit mir spazieren" bis "Der XY trinkt fei jeden Abend viel zu viel Bier".

Sie auf Leute mit Problemen, mit welche ich klar zu kommen hatte und echte Patienten loszulassen, überforderten sie so stark, dass es regelrecht gefährlich war, sie in diesem Job einzusetzen.

Was das Analytische betrifft, sind diese beiden, und das betrifft mit wenigen Ausnahmen, die es auch gab, alle Mitarbeiter des Sozialsystems, mit welchen ich in Kontakt gekommen bin, nicht über die infantile Phase hinausgewachsen. Sie machen sich über eine Person und ihr Leben a priori eine Vorstellung und sehen ihre Aufgabe dann darin, zu versuchen, die betreffliche Person in ihre Vorstellung zu zwingen. Sie sind viel zu selbstverliebt, um ihre Vorstellung anhand der Wahrnehmung zu korrigieren, sie versuchen lieber die Wahrnehmung an ihre Vorstellung anzupassen. Keine Ahnung, was die Anmaßung in Menschen verursacht, sich einzubilden, man wisse über das Leben von anderen Menschen, die man gerade einmal ein paar Stunden kennt, besser bescheid als diese und der liebe Gott zusammengenommen, aber hey, man gewöhnt sich dran. Nur, es endet nicht beim Anpassen für sich selbst, sie versuchen diese Phantasien, die sie sich machen einem auch einzureden, und da wird es wirklich mitunter nasty! Sie sind da hartnäckig, sehr hartnäckig. So hartnäckig, dass ich irgendwann dazu übergegangen bin, zu ihrem Geschwätz einfach "jaja" zu sagen. Bestätigt man sie, macht es sie glücklich. Widerspricht man ihnen oder versucht ihnen etwas zu erklären, kann man sich genauso gut auch mit Figuren in der Glyptothek unterhalten, das wäre wenigstens weniger lästig. Wie hätten sie mir helfen können, war doch ihre Möglichkeit der Realitätserfassung meiner bei weitem unterlegen?! Das ist Verschwendung von Zeit und Geld. Ich verdiene mein Dach über dem Kopf indem ich 3 Stunden die Woche unsinnige Gespräche führe. Solange ich keine andere Wohnung hab…

Möglicherweise geht es darum ja auch gar nicht.

Sondern, zumindest soweit es mich betrifft, darum, Personen, derer sie habhaft werden, nach einem spezifischen Menschenbild umzuerziehen, und das ist das von der jeweiligen politischen Bedarfslage des Staates geforderte Menschenbild! Am leichtesten wird man derer habhaft, die sich freiwillig selbst ausgeliefert haben.

Ist es so, dann haben diese Leute ihren Job wirklich schlecht gemacht. Sie hätten mal bei den für die Umerziehungslager zuständigen Behörden in China nachfragen sollen, wie das geht: man muss nämlich mindestens wissen, womit man es zu tun hat, um eine Umerziehung durchführen zu können! Nicht, dass ich das befürworten würde, im Gegenteil. 

Damit meine ich nicht alleine Hipsy. Hipsy war nur die Initiation. Und ein Nebenschauplatz. Ein Dienstleister. Man kann in so einer WG wohnen, das wird vom Staat finanziert. Im Gegenzug muss man insgesamt 3 Stunden die Woche an Therapiesitzungen teilnehmen. Die Hälfte "Gruppentherapie", die ander Hälfte "Einzeltherapie". Die "Therapeuten" phantasieren sich dann irgendwelche Berichte zusammen, die sie dem Staat abliefern und dafür bekommen sie ihr Geld. Ich hätte bereits misstrauisch werden sollen, als mir eröffnet wurde, dass die Aufhebung der Schweigepflicht Einzugsvoraussetzung ist. 

Was sie in diese Berichte schreiben weiß ich natürlich nicht. Aber es kann nur Phantasie sein, denn meine Erfahrung mit diesen Leuten lässt darauf schließen, dass ihre Realitätswahrnehmung doch recht abenteuerlich ist, um es vorsichtig auszudrücken.

Ich stehe jetzt vor dem Hindernis, dass ich den Initiationsritus hier nicht detailliert beschreiben kann. Es sind Patienten involviert, und Patienten sind einfach nur Patienten. Ihnen  kann man weder Schuld zuweisen, noch wäre es fair, sie hier darzustellen.

Also so gut es geht: die WG bestand eigentlich aus 2 Wohnungen in einem Stockwerk eines Mietshauses.

Sie wäre für 6 Personen gedacht gewesen, war aber nicht voll besetzt, da diese Wohnungen gekündigt waren und der Umzug in ein Haus anstand.

In der einen Wohnung wohnte ein Mann, der sich mit Hipsy in einem Rechtsstreit befand.

In der anderen wohnten außer mir noch ein extrem hypochondrisches Mädchen und ein junger Mann, der im Krankenhaus chronischer Patient eben jenes Psychologen war, mit dem die Sozpäd liiert gewesen ist.

Der junge Mann nun setzte eigenmächtig seine Medikamente ab. Mit Medikamenten ist er eigentlich ein ganz netter Kerl. Ohne Medikamente verliert er jeden Bezug zur Wirklichkeit, verfällt Wahnvorstellungen und wird ungemütlich. Vor allem mir gegenüber wurde er sehr feindselig.

Da ich nicht weiß, welche Strategien Sozpäd und Psychologe aushecken kann ich nicht genau differenzieren: haben die beiden sich wie Gäule von dem Jungen vor sich hertreiben lassen oder hetzten sie ihn wie einen tollwütigen Hund auf mich? Oder beides?

Ich habe 2 bis 3 mal versucht, diesen beiden Kanaillen meine Situation in der WG darzustellen, die machten mir aber unverhohlen klar, dass sie mich für einen Lügner halten.

Zuletzt endete es damit, dass der Junge auszog, unter Säufern landete und kurze Zeit später am Sendlinger Tor so auszuckte, dass er von der Polizei aufgegriffen und in das Bezirkskrankenhaus verbracht wurde.

Unterm Strich hatte wir beide den Schaden davon; ich war mehrere Wochen einem sehr unangenehmen Terror ausgesetzt gewesen und der Junge landete wieder in der Klapse, was hätte vermieden werden können, würden diese beiden "Betreuer" auch nur ansatzweise verantwortungsbewusst gearbeitet haben!

Das Konzept der therapeutischen Wohngemeinschaften ist für 2 Personengruppen der Theorie nach ausgesprochen vielversprechend. Eine Personengruppe sind chronische Patienten, die mit etwas Unterstützung durchaus ein normales Leben führen können wie dieser Junge oder auch andere, die ich in dieser Zeit kennen gelernt hatte. Die andere Gruppe, zu der ich mich zählte, sind solche, die zwischen Krankenhaus und Rekonstruktion der eigenständigen Existenz einen Übergang benötigen.

Leider wich die Praxis erheblich von der Theorie ab. Das wird mir von nun an überall in diesem sogenannten Sozialsystem begegnen. Es ist kein Hilfsprogramm, es ist ein Disziplinierungsprogramm.

Man weiß nie, mit wem man es zu tun bekommt und welche konkreten Ziele diese Personen verfolgen. Man weiß nie, wer mit wem redet, welche weiteren Behörden involviert werden. Es kann durchaus sein, dass sie ihre merkwürdigen Phantasien von irgendwelchen Geheimdienstberichten ableiten, die aufgrund der Infos von hochqualifiziertem Quellen erstellt werden, wie etwa Junkies oder Ex-Junkies, sie sich mittels Spitzeldiensten ein paar Jahre Knast sparen. So wie die Einschätzung über mich bei Hipsy auf den Wahnvorstellungen eines armen Kerls in Psychose beruhte. Prinzipiell ist es ein Denunziantensystem. In der Einzelsitzung werden Patienten über andere Patienten ausgehorcht. Ich habe mich dafür nie hergegeben. Man weiß nie, welche Strategien die Gestalten fahren, ihrem Verhalten nach konnte ich aber einiges ableiten. Nebulös, natürlich. Ich bekomme deren "Berichte" nicht. Sie verhalten sich ständig angreifend und beleidigend und sie bringen keine nützlichen Beiträge. Was ich wissen konnte: dass ich in diesem System kein Mensch bin, bestenfalls ein Untermensch, aber unzweideutig beschrieben als "Fall", und so wurde ich behandelt.

Nicht, dass das neu wäre.

"Jemand mußte Josef K. verleumdet haben…"