Eintrag 64: Das Mädchen im Spielzimmer

Eintrag 64: Das Mädchen im Spielzimmer

Dieser 20.Februar endete doch als einer der Tage, die ich nicht vergessen möchte.

I.

Der Tag selbst war mir ärgerlich.

In der U-Bahn las ich eine Schlagzeile aus den vorgefertigten Schlagzeilen, die dem Kenner als jene auffallen, welche die Bevölkerung auf einen Krieg einstimmen sollen. Natürlich beschwerte sie sich über den Ungehorsam Nicolas Maduros den Kolonialherren-Nationen gegenüber, die in USA+EU einen Block bilden, der sich als die bessere Menschheit dünkt, die den barbarischen unterentwickelten Völkern die Kultur, bzw. die Demokratie bringt. Gerade Deutschland hat ja einen Bundesaußenpisser, der permanent virtue signaling mit „Rassismus böse“, „Heut‘ war ich in der KZ-Gedenkstätte sowieso…“ usw betreibt, es aber im gleichen Atemzug fertig bringt, dem Präsidenten Venezuelas den Rücktritt vom Amt befehlen zu wollen.

Da gab es diesen Peter Hein, der war einer der innovativsten Popgestalter Deutschlands Mitte 70ger bis Ende 80ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, am weitesten bekannt wurde er durch die Band „Fehlfarben“, für die er sang und die meisten Songs schrieb. Davor hatte er die Band „Mittagspause“. Und für die hatte er einen Text geschrieben, der Heiko Maas vorhersagte:

„Hoch zu Ross den Bundesgeier am Gewand
Herrenreiter haben wieder zu sagen im Land
Schwarz der Himmel unserer Zukunft
Rot die Erde der Vergangenheit 
Gold die Zähne unserer Väter
Jetpiloten werden plötzlich schwach in den Hüften
Herrenreiter mit Spielzeugpistolen in den Lüften
einer wird gewinnen beim Lieblings-Fernsehonkel der Nation
Herrenreiter der Butler bringt den Ostfriesenerz schon“

(Man findet den Song auf YouTube, falls den einer nicht kennt, verlinken will ich ihn in diesem Artikel nicht, weil der musikalische Teil Alice Sara Ott gehört. Kommt gleich in Teil II!)

Ja der Heiko, der nimmt viel Platz auf meinem Blog ein, das ist er gar nicht wert, aber er repräsentiert das Land, dem ich angehöre, ob ich das möchte oder nicht, in der Welt und darum kann ich ihn nicht, wie er es verdiente, ignorieren!

Und dieser Heiko meinte auf der SiKo, die EU müsse den Putschisten Guaidó noch stärker unterstützen und just rührt Deutschlands Presse die Kriegstrommeln!

Ich weiß nicht, ob Heiko psychisch gestört ist oder nur ein Heuchler. Woher sollte ich das auch wissen? Ein Typ, der sich allen Ernstes anmaßt, er habe ein Recht, die Innenpolitik eines mehrere tausend Kilometer über dem Atlantik gelegenen Landes zu bestimmen, meint, er sei ein guter Typ, wenn er folgenden Tweet absetzt:

Heikos Anti-Nationalismus ist das Großmachtdenken des Kolonialherrschers: seine Herrschaftsposition kommt ihm so natürlich vor, dass er gar nicht bemerkt, als rassistischer Kolonialherrscher aufzutreten! Sogar die Pseudo-Antikriegshaltung betreffs Verdun ist Bestätigung dessen: denn sie beklagt nur einen Krieg, den seine Vorfahren vor hundert Jahren verloren haben!

Ich bin es so müde, denn ich sage das alles schon seit dem Irakkrieg 1991, denn es wiederholt sich seither und wiederholt sich seither und wiederholt sich seither und es ist immer das genau gleiche, ich rede darüber, ich schreibe darüber seit 1991 und es fühlt sich an, als sei das vollkommen umsonst, denn es wiederholt sich und wiederholt sich und wiederholt sich.

KEIN WESTLICHER KRIEGSZUG HAT DAS WOHL AUCH NUR EINER EINZIGEN PERSON IM ZIELLAND IM SINNE! ES SIND RAUBZÜGE!

Es ist aber nicht vollkommen umsonst! Immerhin sind wir heute so weit, dass 2020 Tulsi Gabbard gegen Trump antreten wird.

Sie ist glaubwürdig, denn sie weiß genau wovon sie spricht. Sie war selbst als Major der US-Army im Irak-Krieg eingesetzt! Sie wird 2020 nicht Präsidentin werden, dafür wird ihre eigene Partei, die Demokraten, sorgen. Aber vor 10 Jahren hätte niemand mit einer entschlossenen antiimperialistischen Haltung überhaupt als Präsidentschaftskandidatin antreten können! Und reicht es 2020 nicht für das Weiße Haus, so wird ihr Argumentieren dennoch weiter Wirkung entfalten! Also ist etwas geschehen! Eine sehr langsame Entwicklung, aber unaufhaltsam! Das vergisst man allzu leicht, weil es ein Generationenprojekt ist! Die Schnecke schafft es immer über die Straße, sofern sie nicht überfahren wird, sie braucht nur ihre Zeit dafür!

Heiko könnt sich auch dieser Positionierung anschließen; es hätte noch nicht einmal den Ruch des Subversiven, wie eine Antikriegs-Position es noch in der Zeit des Libyen-Krieges 2011 hatte, da es sich ja um die Position einer offiziellen Präsidentschaftskandidatin der Demokraten handelt! Heiko schließt sich der Positionierung Trumps und der Rüstungsindustrie an! Heiko ätzte gegen Trump, als es karrierefördernd schien gegen Trump zu ätzen. Wie einer der es für opportun hält, mit dem Lynchmob zu geifern. Er traf sich mit Nancy Pelosi und japste: „Trump ist nicht Amerika!“ Nun, da es weltpolitisch notwendig wurde, Trump entgegen zu treten, kriecht er ihm in den Hintern. Dass „Dömökrötü“ in Venezuela dem Heiko völlig gleichgültig ist kann man alleine dem entnehmen, dass Heiko noch kein einziges Wort zu den zeitgleichen Ereignissen auf Haiti von sich gab. Die Ereignisse in Haiti zu kritisieren, etwa indem man hinweist, der Präsident sei nicht legitim zur Macht gekommen, würde ja zu Unstimmigkeit mit Washington führen, denn dieser Präsident wurde von Washington eingesetzt! Haiti ist für die Heikos dieser Welt schon deshalb egal, weil es auf Haiti nichts abzustauben gibt! Wenn man schon mühevoll für Demokratie jenseits des Atlantik kämpft, dann doch bitte dort, wo es Öl, Gas und Gold zu holen gibt! Man baut in Europa jetzt Gasterminals für amerikanische Gaslieferungen mit Schwerlastschiffen. Es ist profitabler für die amerikanische Ölindustrie, das Gas in Venezuela zu stehlen als es mit Fracking in den USA abzubauen. Es gibt übrigens nichts die Atemluft und das Wasser angreifenderes als diese Schwerlastschiffe. Ein weiterer Punkt. Unsere Heikos sind doch Klimaretter! Komisch, wo es wirklich darauf ankommt fällt ihnen der Schaden gar nicht auf… Fritz Bolles olle Dieselkarre ist des Teufels. Frackingas/geraubtes Gas via Hochseeschiffahrt eine Alternative zu Russlands Monopolstellung. Diversifizierung.

F…ckt Euch, Abschaum!

Woran erkennen wir einen, der Kolonialherrscher sein will? – Nun, er bringt irgendetwas wie Seelenheil, Demokratie oder was sonst gerade an kostenlosen Erlösungsvorschlägen in Mode ist zum Beispiel nach Lateinamerika oder Afrika, und nimmt als kleines Dankeschön die Bodenschätze mit!

Wie gesagt, es tut sich dennoch etwas. Wir haben aufrechte, vorbildliche Journalisten wie Glenn Greenwald, die an Einfluss gewinnen und die über das Internet in Echtzeit arbeiten können. Wir hatten auch früher gute Journalisten, nur die konnten nicht in Echtzeit Breitenwirkung entfalten. Das geschah damals meistens als Buchveröffentlichung wenn die Tatsachen schon vollendet waren.

Alles, worauf wir Schnecken achten müssen, ist nicht überfahren zu werden!

II.

Alice Sara Ott 20.02.2019

Der Tag selbst war ein Ärgernis, doch er hatte einen Abend! Alice Sara Ott spielte das G-dur-Klavierkonzert von Maurice Ravel im Gasteig. Das Programm insgesamt war in gewisser Weise perfekt: Ravel umgeben von Sibelius; zur Einleitung „Finnlandia“, dann Ravels Klavierkonzert, nach der Pause die 5. Sibelius-Sinfonie. Manches, aus der Sicht der Oberflächlichen unbedeutend, lässt das Leben sich anfühlen, als sei es dennoch lebenswert!

Alice Sara Ott spielt dieses Konzert irgendwie authentischer als andere mir bekannte Interpretationen. Das Konzert ist eine Art Halekiniade, aber nicht mit Clowns. Es ist wie die Phantasien eines Mädchens in einem Kinderzimmer. Ein Spiel, in dem die Puppen lebendig geworden sind. Ravel beschreibt Szenen im Mädchenzimmer, aber es ist ein ganzer französischer Jahrmarkt, der sich dort zuträgt.

Alice Sara Ott ist für ihre Interpretation wohl bekannt! Es gibt sogar einen Film von Arte, ca. 5 Jahre alt, anderer Dirigent, anderes Orchester, gleicher Ort. Wer will kann sich hier einen Eindruck verschaffen. Es ist freilich nicht das selbe ob es sich um eine Konserve aus dem Fernsehprogramm handelt oder Alice Sara Ott in wahrer Person anwesend ist und live spielt. Denn erlebst du Alice Sara Ott in Wirklichkeit, wie sie es spielt, siehst du vor deinem inneren Auge, fühlst du körperlich das Mädchen und ihre Abenteuer im Kinderzimmer. A Toy-story, jedoch keine wie das amerikanische Kino sie kennt. Die Musik selbst ist plastisch, sie baut der Phantasie des Zuhörers ein akustisches Ambiente innerhalb dessen der Zuhörer seine Handlungen und seine Figuren selber formt.

(Äh, Arte: Wenn es Euch nicht passt, dass ich das auf meinem Blog habe, sagt mir bescheid! Kommt mir nicht mir irgend einem Anwalt!)

In der Pause am Signiertisch frage ich sie, ob ich sie für meinen Blog fotografieren darf. „Sure!“ und sie lächelt. Ich hatte nur mein Handy, dessen Kamera gänzlich ungeeignet für die vorhandenen Lichtverhältnisse ist. Die Farben sind erstaunlich gut, alles andere ist… nicht fotografisch gelungen… Schön, schwache Leistung für einen professionellen Fotografen! Aber es braucht ja kein gutes Foto zu sein. Gute Fotos gibt es von ihre gar nicht wenige. Es soll nur echt sein und an den Abend erinnern.

Signiertisch 20.02.2019 Gasteig

Erst hinterher las ich auf ihrer Internetseite diese Mitteilung an Ihr Publikum:


Heute möchte ich eine sehr persönliche Mitteilung machen.
Wie einige es vielleicht mitbekommen haben, hatte ich in letzter Zeit gesundheitliche Probleme, welche meine Arbeit beeinflusst und Besorgnis erregt haben. Nach einer Reihe von medizinischen Untersuchungen wurde bei mir am 15. Januar dieses Jahres Multiple Sklerose diagnostiziert.
Als letztes Jahr dieser Verdacht zum ersten Mal ausgesprochen wurde, brach für mich eine Welt zusammen. Während ich von einer Untersuchung zur nächsten lief, herrschte in mir ein Chaos aus Angst, Panik und Verzweiflung. Ich hatte so viele Fragen. Was bedeutete diese Diagnose? Wie würde sie sich auf mein Leben auswirken? Auf meinen Beruf?
Seitdem habe ich viel Zeit damit verbracht, mich über Multiple Sklerose und ihre Auswirkungen zu erkundigen und mich auch von verschiedenen Spezialisten beraten lassen. Mit jeder neuen Information, die ich bekam, stellte ich fest, dass ich vorher ein ganz falsches Bild von dieser Krankheit hatte. Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sich bei jedem Betroffenen unterschiedlich auswirkt. Obwohl bis zum heutigen Tag noch kein Heilmittel exisitiert, ermöglicht die medizinische Forschung und Entwicklung der letzten Jahre einer Vielzahl der Betroffenen, ein normales Leben mit kaum Einschränkungen zu führen.
Es wird sicherlich eine Weile dauern, bis ich meinen neuen Zustand besser kennengelernt habe und ich werde vielleicht Tage erleben, an denen ich Herausforderungen gegenüberstehen und mich ihnen anpassen muss. Aber genauso wie ich mir sicher bin, die passende Therapie und den richtigen Ausgleich im Alltag zu finden, so bin auch voller Zuversicht, dass ich mein Leben wie bisher weiterführen werde. Ich freue mich sehr auf die kommenden Konzerte und Projekte.
Die Entscheidung, diese Nachricht mit allen zu teilen, ist mir nicht leicht gefallen. Aber dennoch glaube ich, dass sie richtig ist. MS gehört zu den missverstandensten Krankheiten in unserer Gesellschaft und indem ich offen mit ihr umgehe, hoffe ich, andere Betroffene (vor allem jene, die gerade in jungen Jahren damit konfrontiert werden) auch dazu ermutigen zu können. Ein Eingeständnis ist keine Schwäche, sondern ein Weg, sich und sein Umfeld zu schützen und zu stärken.
Ich bin all denen, die mir aus nächster Entfernung so viel Liebe und Unterstützung in den letzten Monaten entgegengebracht haben, unendlich dankbar. Sie haben sich nicht nur mit ihren eigenen Emotionen, sondern auch mit vielen Nachfragen auseinandersetzen müssen. Indem ich meine Situation erläutere, hoffe ich, dass auch sie nun ein bisschen Zeit und Ruhe für sich finden können.
Manchmal führt einen das Leben auf einen unerwarteten Pfad und ich stehe erst ganz am Anfang dieses neuen Weges. Dennoch glaube ich, dass es an uns liegt, was wir daraus machen.
Alice

Nur wenige Tage, nachdem sie erfahren hatte an MS erkrankt zu sein gibt sie Ravels Konzert wie ihr Publikum es von ihr erwartet!

Auch das sind Kämpfe, die geführt werden! Auch sie eine Heldin, die in ihrem Kampf ihre Frau steht!

Worüber jammern wir also? Oder besser: worüber jammere ich denn überhaupt? Dass man mir keinen Roten Teppich ausrollt nur weil ich sage: „Schluss mit den Regime Change Operationen! Schluss mit den imperialen Kriegen!“? In gewisser Weise würde mich das dem Heiko ja ähnlicher machen als mir lieb sein kann…

Stellt Euch weiter den imperialen Kriegen entgegen! Dort wo Ihr seid und mit den Möglichkeiten, die ihr habt! Und ja, Ihr werdet immer mit Leuten konfrontiert sein, die Euch für ihre persönlichen Zwecke ausnutzen und ja, die werden Euch verraten, von denen Ihr es am wenigsten erwartet hättet! Es werden immer solche da sein, die sich Euch annähern alleine mit dem Ziel Euch in den Rücken zu fallen; jene, die ihre kriminelle Energie hinter politischen Parolen verstecken aber nicht politisch sind im athenischen Sinne, d.h. ein Bewusst-seyn entwickeln, welche Auswirkungen ihr Handeln auf die Allgemeinheit hat. Aber es bleibt, wie wir immer gesagt haben: steter Tropfen höhlt den Stein! Bleibt oder werdet der Quell, dem das tropfende Wasser entspringt! Und sucht Euch Vorbilder nicht unter den Lauten mit den immer aktuell angesagten Sprüchen, sondern haltet Euch an echte Vorbilder wie Alice Sara Ott! Ein wenig eine Klavierspielerin vom Charakter des Schwertmeisters Kyuzo aus Kurosawa’s „Die 7 Samurai“, der das Wesentliche vollführt ohne Aufsehens darum zu machen.