Eintrag 65: A Young Captain Arrives

Eintrag 65: A Young Captain Arrives

Intro zu Captain Marvel

Wie „Black Panther“ so wurde auch das aktuelle Kapitel des Marvel Cinematic Universe, „Captain Marvel“, in den USA schon Wochen vor Prämiere zum Zankapfel zwischen den verschiedenen politischen Fraktionen.

Hater rateten den Film auf Rotten Tomatoes auf Müllniveau runter. Das kann einflussreich werden, weil es viele Leute gibt, die für die Auswahl, welchen Film sie ansehen wollen, sich an den Ratings von Rotten Tomatoes orientieren. Das ist Gott sei Dank bei einer Marvel-Produktion nicht der Fall, die geht extra, man/frau weiß mittlerweile, worauf er/sie sich einlässt! Auch sind viele mittlerweile zum Glück gegen diese unterirdischen politischen Diskussionen im Vorfeld spätestens seit „Black Panther“ gefeit!

Allerdings hat Marvel auch einen, ich sag‘ mal Markt-strategischen Fehler begangen. Es steht seit Jahren an und ist seit Jahren in Diskussion einen Spielfilm um eine der weiblichen Charakter zu machen; dazu wurden auch Umfragen gestartet, ziemlich ungeschickt, ob ein „Black Widow“-Film mit der überdurchschnittlich beliebten Scarlett Johannsson gedreht werden solle, was eine definitiv 100%tige Zustimmung der Fans hatte. Dieser Film war dann im Gespräch als Link zwischen „Avengers.Infinity War“ und Avengers.Endgame“, der am 26. April 2019 Premiere haben wird. Jetzt haben sich also viele seit etwa 2 Jahren auf einen coolen „Black Widow“ mit
Scarlett Johannsson gefreut, den sie nicht bekommen, statt dessen gibt es einen „Captain Marvel“ mit Brie Larson.

Captain Marvel Heft 1 1977

Das ist in sofern erstaunlich gewesen, denn Carol Denvers aka MS. Marvel aka Captain Marvel ist zwar schon seit 1977 in eigener Serie unterwegs, wird aber erst seit ihrem Re-design 2006-2012 als tragender Charakter breiter wahrgenommen und gilt somit eigentlich mehr als einer der Neuen Charakter. Besonders störend an den Vor-Verurteilungen fand ich ziemlich unfaire Angriffe auf die Hauptdarstellerin Brie Larson. Hauptsächlich aber ging es um die politische Ausrichtung! Der Film wurde als Tribut an den Feminismus angekündigt. Brie Larson spricht sogar von „intersectional feminism“, was ganz sicher als beabsichtigte Provokation verstanden werden kann und ebenso sicher auch als solche gemeint war, denn die Wortwahl ist doch sehr gezielt! Living in times of Trump. Klar, Trump war eine einzige riesen Verarsche, das ist ja nun durch die Aggression gegen Venezuela unzweifelhaft geworden.

Captain Marvel re-design 2012
Captain Marvel re-design 2012

Nebenbei bemerkt an dieser Stelle: ich hab‘ herausgefunden, dass die ganze Trump-Clinton-„Dualität“ gar nichts neues ist, sondern ihren Anfang schon 2001 genommen hat und durch die Jahre ging, in denen Hillary Clinton Senatorin für New York war! Sch—ß drauf, ich will hier nur anmerken, dass es mich ziemlich nervt, dass alles immer noch irgendwie in Bezug zum Imperator gesetzt wird, weil ohne würde der Film anders vermarktet als auch anders rezipiert worden sein!

Denn dieser Film markiert tatsächlich sowohl aus künstlerischer Sicht innerhalb des MCU als auch in der Lebenswirklichkeit einen Umbruch!

Aus künstlerischer Sicht war das MCU den klassischen, seit Jahrzehnten etablierten Figuren gewidmet, erzählte ihre Geschichten komprimierter und in einem anderen Medium, mit Carol Denvers tritt eine ganz neue Generation von Marvel-Heroes in den Vordergrund.

In der Wirklichkeit, denn wenn man „Endgame“ als zweiten Teil zu „Infinity War“ sieht und somit nicht als für sich alleine stehenden Film, ist „Captain Marvel“ der letzte Film, der noch vom Großmeister Stan Lee persönlich betreut werden konnte. Das garantierte aber auch, dass der Übergang nicht wirklich als Bruch stattfindet sondern als Erweiterung!

Captain Marvel – the Movie

Vorsicht, enthält Spoiler!

Als erstes zu Brie Larson, über die im Vorfeld so viel geschimpft wurde: völlig ungerechtfertigt, total daneben!

Ich will gar nicht wiederholen, was da gemeckert wurde, sondern als jemand der selber schon professionell geschauspielert hat diesen Leuten mit einigem Nachdruck leicht säuerlich entgegenschleudern: „Wer keine Ahnung hat einfach mal Mund halten, sie macht das phantastisch!“ Ich meine, die Leute, die bei Marvel im Casting das Sagen haben wählen eine Schauspielerin nicht aus nur weil sie Oscar-prämiert ist, sondern weil sie sie für die genau richtige Real-Verkörperung der Figur achten!

Brie Larson stellt die Entwicklung einer jungen Frau zur Superheldin absolut unaufdringlich, geradezu als natürliche, organische Entwicklung dar. Und was mir besonders gefiel, auch gänzlich undramatisch in dem Sinne: ohne überzogene Geste, fast intellektuell zu nennen, ein Erkenntnisprozess. Sie weiß, irgend etwas stimmt nicht mit ihrem Leben, so wie sie es im Bewusstsein hat, nach und nach erfährt sie die Wahrheit und mit jedem Stück Wahrheit, das sie herausfindet wird sie ein Stück freier und ungezwungener. Kein „Oh Graus, Oh Schreck, ich wurde belogen heulheul“, es ist eher ein „Ah so, verstehe, so ist das also und darum etc.“ Und je mehr Wahrheit sie entdeckt, umso mehr offenbaren sich ihre Kräfte. Natürlich ist das feministische Symbolik, die Frau, die sich ihrer selbst bewusst wird und durch ihr Selbstbewusstsein entfaltet sie ihre Wirkmacht. Das kann völlig in die Hose gehen und zu Propaganda gerinnen, Brie Larson aber gelingt das mit eben genau unaufdringlicher, natürlicher Leichtigkeit und stellenweise geradezu Kopf-verdrehendem Charme!

Ein Kritikpunkt ist nur in Drehbuch/Regie zu finden. Wir wissen, dass sowohl das Pentagon als auch die CIA Marvel-Produktionen ganz besonders überwachen und teilweise Einfluss nehmen. Das ist hier in einer speziellen Sequenz ganz offensichtlich geschehen. Das Pentagon will Frauen als Soldatinnen im gehobenen Dienst, in diesem Falle als Pilotinnen, rekrutieren und das bauen sie an einer Stelle richtig plump ein!

Sinara - Agents of S.H.I.E.L.D.
Killer-Kree Sinara

Wobei der Film dramaturgisch gut erzählt. Zu Beginn war sogar ich in die Irre geleitet. Wir kennen Kree als fiese intergalaktische Römer, zumeist bauhäutig oder grünhäutig mit blauem Blut, stets auf der Suche nach Welten, die sie versklaven können. Zu Beginn wirkt es, als seien in diesem Film die Kree die Guten. Erst nach und nach offenbart sich ihr wahres Gesicht. Was man dann sogar als intelligente Art des Widerspruchs zu der eingebauten Propaganda wahrnehmen kann. Denn setzt man es mit der Lebensrealität in Kontext, entsprechen die Kree dem tatsächlichen Verhalten der US-amerikanischen Militärmaschine, ihrem wüten in Nahost, Afrika und neuerdings wieder Lateinamerika. Hör ich da schon auf? Nein, es ist die gesamte Welt, das Südchinesische Meer genauso wie Truppenstationierungen in Deutschland, die Washington neuerdings zur „Costs plus 50“-Geschäftsidee gemacht hat.

Die Geschichte, die wir erzählt bekommen ist auch die Geschichte der Emanzipation einer Kree-Kriegerin nicht nur als Frau, sondern ebenso als Militärangehörige, die zwischen Richtig und Falsch unterscheiden lernt und mich spontan an Tulsi Gabbard erinnert hat. In gewisser Weise kam es mir dann vor, als sei das genau der richtige Film zur richtigen Zeit, da Tulsi Gabbard als definitive Antikriegskandidatin 2020 gegen Donald Trump antritt im Kampf um die Präsidentschaft.

Kree Bataillon
Major Tulsi Gabbard

Carol Denvers ist eine Kriegerin, die ihre Berufung nicht darin sieht Kriege zu gewinnen sondern Kriege zu beenden. Und das genau passt in die Kampagne, mit der Tulsi Gabbard agiert.

Kann das so geplant gewesen sein? Ich weiß es nicht. Möglich. Trump wollte Tulsi Gabbard in sein Kabinett holen. Er führte seine Kampagne als Anti-Interventionist. Sie lehnte ab. Das war 2016. Die Produktionszeit eines solchen Films liegt ungefähr bei 2 Jahren. Das haut hin. Es passt durchaus zu einer KandidatIN, die glaubwürdiger ist als HillaryKillary Clinton, die selbst einen militärischen Hintergrund hat und aufgrund ihrer Erfahrungen als Soldatin eine Präsidentschaftskampagne mit der Zielsetzung der Beendigung der Interventionskriege des US-Imperiums führt.

Ihre Geschichte und die Geschichte von Captain Marvel zeigen auffällige Parallelen!

Und es passt in die Ideen, die Marvel über Jahrzehnte vertreten hat. Man muss immer wieder darauf hinweisen. Comic und Film sind nicht nur Unterhaltung. Sie sind auch Allegorie und Sprache. Die Bedeutung einer Geschichte und der Bilder liegt nicht im Unterhaltungswert, sie liegt in den Möglichkeiten, das Publikum bei er Bewusstseinsbildung zu unterstützen. Das ist auch der feine Unterschied zwischen einem qualitativ hochwertigen Kunstwerk und Propaganda.

Und da der Markenname MARVEL immer noch für qualitativ hochwertige Kunst steht, ist „Captain Marvel“ in keinster Weise die primitive mode-feministische Propagandashow – Männer doof Frauen genial, Männer böse Frauen gut – als welches die Hater es im Vorfeld aussehen lassen wollten.

Wir Männer dürfen unsere liebgewonnenen Helden durchaus behalten. Phil Coulson ist mit von der Partie und er ist zwar noch jung, aber so wie wir ihn kennen und schätzen; der alte Haudegen Nick Fury hat noch beide Augen und er ist der, als der wir ihn sehen wollen. Aber die Welt dreht sich! Jetzt lernen wir die Frau kennen, mit der die Avengers endlich Thanos entgegen treten können!

Der Feminismus, der uns in „Captain Marvel“ präsentiert wird ist kein Feminismus der Herrschaftsverhältnisse banal umdreht. Es ist der Feminismus, der Herrschaftsverhältnisse beseitigt!