Eintrag 67: Endgame

Eintrag 67: Endgame

Spoiler-Warning!

08.Mai 2019, Jahr 74 nach dem militärischen Sieg über den Hitlerfaschismus.

I

Irgendwie ist es ein Sieg. Aber warum fühlt es sich nicht an wie einer?

Oder fühlen Siege sich an wie Niederlagen?

Peggy Carter – Steve Rogers

Als ich jung war lasen viele von uns, ich einer davon, Marvel-Heftchen noch fast heimlich. Umgeben von Erwachsenen, die verächtlich die Nase darüber rümpften. Die es untersagten und sich für etwas besseres hielten als Leute, die Comics lesen. Die es einem zu verderben suchten. Sich mit den Versuchen selbstbefriedigten, die Freude daran zu rauben. Comics galten nicht als Kunst und nicht als Literatur sondern als Schund. Versuchte man zu erklären, Comics seien eine Symbiose aus bildender Kunst und Literatur, machte man sich zum Gespött.

„Avengers: Infinity War“ war dann der erste Film der Filmgeschichte, der mehr, und zwar weit mehr, als 2 Milliarden Dollar alleine im Verkauf von Tickets einspielte. „Avengers: Endgame“ hat schon nach den ersten 2 Wochen 2,2 Milliarden Dollar eingespielt. „Captain Marvel“ dazwischen etwa 1 1/2 Milliarden.

Ich fürchte, dieser kommerzielle Erfolg wird das Endgame für Marvel insgesamt werden. Subkultur die Mainstream wird verkommt schnell zur leeren Hülle.

.





Punk’s not dead, it just deserves to die
When it becomes another stale cartoon
A closed minded, self-centered social club
Ideas don’t matter, it’s who you know
If the music’s gotten boring, it’s because of the people
Who want everyone to sound the same
Who drive the bright people out of our so-called scene
‚Til all that’s left is just a meaningless fad
Hardcore formulas are dogshit
Change and caring are what’s real
Is this a state of mind
Or is it just another label?
The joy and hope of an alternative
Has become its own cliche
A hairstyle’s not a lifestyle
Imagine Sid Vicious at 35
Who needs a scene? Scared to love and to feel
Judging everything by loud fast rules appeal
Who played last night? I don’t know, I forgot
But diving off the stage was a lot of fun!
So eager to please, peer pressure decrees
So eager to please, peer pressure decrees
Make the same old mistakes again and again
Chickenshit conformist like your parents
What’s ripped us apart even more than drugs
Are the thieves and the goddamn liars
Ripping people off when they share their stuff
When someone falls are there any friends?
Harder-core-than-thou for a year or two
Then it’s time to get a real job
Others stay home, it’s no fun to go out
When the gigs are wrecked by gangs and thugs
When the thugs form bands, look who gets record deals
From New York metal labels looking to scam
Who sign the most racist, queer-bashing bands they can find
To make a buck revving kids up for war
Walk tall, act small
Only as tough as gang approval
Unity is bullshit
When it’s under someone’s fat boot
Where’s the common cause?
Too many factions safely sulk in their shells
„Agree with us on everything or we won’t help with anything“
That kind of attitude just makes a split grow wider
Guess who’s laughing while the world explodes?
When we’re all crybabies who fight best among ourselves
So eager to please, peer pressure decrees
So eager to please, peer pressure decrees
Make the same old mistakes again and again
Chickenshit conformist like your parents
That farty old rock and roll attitude’s back
It’s competition, man, we wanna break big
Who needs friends when the money’s good?
That’s right, the ’70s are back
Cock-rock metal’s like a bad laxative
It just don’t move me, you know?
The music so okay when there’s more ideas than solos
Do we really need the attitude too?
Shedding thin skin too quickly
As a fan it disappoints me
Same stupid sexist lyrıcs
Or is Satan all you can think of?
Crossover is just another word for lack of ideas
Maybe what we need are more trolls under the bridge
Will the metalheads finally learn something?
Will the punks throw away their education?
No one’s ever the best once they believe their own press
Maturing don’t mean rehashing mistakes of the past
So eager to please, peer pressure decrees
So eager to please, peer pressure decrees
Make the same old mistakes again and again
Chickenshit conformist like your parents
The more things change, the more they stay the same
We can’t grow if we won’t criticize ourselves
The ’60s weren’t all failure, it’s the ’70s that stunk
As the clock ticks, we dig the same hole
Music scenes ain’t real life, they won’t get rid of the bomb
Won’t eliminate rape or bring down the banks
Any kind of real change takes more time and work
Than changing channels on a TV set
So why are we so eager to please, peer pressure decrees
So eager to please, peer pressure decrees
Make the same old mistakes again and again
Chickenshit conformist like your parents

Songwriter: Jello Biafra
© Decay Music, BUG MUSIC OBO DECAY MUSIC

.

Es wiederholt sich. In allem. Jedes mal.

Die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Die Wiederkehr des Ewig Gleichen.

„Wir“ sind angekommen. Ganz oben. Aber dort gehören „wir“ nicht hin!

Schon steht jede/r, der/die noch vor wenigen Jahren Superhelden für ein Pläsier von Minderwertigkeitskompexies gehalten hat und laut tönte, wie doof doch Comic-Verfilmungen seien Schlange, dabei sein zu dürfen. Mit zu verdienen. Superhelden-Comix, das ist jetzt zur Goldgrube verkommen. Und die Goldgräber triefen in den Lefzen.

II

Ich habe Kritiken von Schreiberlingen gelesen, die auf eine Karriere in Hochglanz-Magazinen aus sind, die mitreden wollen. Man erkennt das am geschleckten Stil wie am schwachen Inhalt.

„Endgame“ kranke an „lausiger Action“. Nun, Endgame ist ein Heist-Movie, kein Action-Movie, Idiot. Es ist eine epische Erzählung, kein Geballere. Setzen, 6.

„Endgame“ habe „seine Chancen verpasst“, indem es nicht nicht an die Progressivität von „Captain Marvel“ anknüpfe und in die Zukunft spiele sondern in der Vergangenheit wühle. Jedem seine Meinung, aber dieses permanente dämliche Progressiv-Getue zur Selbstdarstellung von Latte-Macchiato-intellektuellen ekelt wirklich an!

„Endgame“ ist ein Schlusstein. Der 22. Film einer 11 Jahre lang laufenden Kino-Serie. Er verabschiedet tragende Figuren. Steve Rogers aka Captain America, Tony Stark aka Iron Man, Natascha Romanov aka Black Widow gehen für immer, Bruce Banner and The Hulk mutieren zu etwas anderem, Thor der Unsterbliche entsagt seinem Erbe und schließt sich den Guardians an. Endgame ist ein Abschied. Von Charakteren und es ist auch der Abschied von einer Ära. Es ist der Abschied von Marvel unter der künstlerischen Oberleitung von Stan Lee. Andeutungen auf das, wie es danach weiter gehen wird gibt es in dem Film zuhauf. „Marvels first openly gay character“ stellt sich vor. Steve Rogers übergibt den Schild des Captain America an Sam, zwei mal greift Carol Danvers als Retterin in letzter Sekunde ein, ohne sie würden die Avengers Thanos abermals unterliegen; so aber vermag das um sie erweiterte Team den Titan der Vergangenheit, den Tyrannen zu stürzen. Mit seinem Sturz endet die alte Welt. Aber auch die Helden der alten Welt enden mit dem Ende des tyrannischen alten Mannes. Was Wagners „Ring des Nibelungen“ dem ausgehenden 19.Jahrhundert war ist die Avengers-Saga dem beginnenden 21. Brünnhilde singt nicht von dem was sein wird, sie zieht die Konsequenz aus dem, was war. Was Steve Rogers erster Tanz mit Peggy Carter hätte werden sollen und nicht sein konnte wird zum letzten Tanz des ersten und letzten Avengers.

Seit Piere Boulez und Patrice Chéreau interpretiert man den „Ring“ als den künstlerischen Abschied von der vor-industrialisierten Welt. „Endgame“ ist der Abschied von einer Welt, die mit dem Kampf gegen den Nationalsozialismus begann und die in der Digitalisierung endet. Die unmittelbare Nachkriegs-Ära, wenn man so will.

Darüber hinaus korrespondiert „Endgame“ verglichen mit den meisten Filmen aus dieser Serie wenig mit der aktuellen politischen Realität. Das bewegt sich diesmal mehr auf der Meta-Ebene, nicht so im Konkreten.

III

Tatsächlich ist die deutsche Übersetzung von „Endgame“ fehlerhaft! An einem entscheidenden Punkt derart Sinn-entstellend, dass man sich fragt, ob das Absicht war! „It is a time heist.“ Versucht Ant-Man Tony Stark zu überzeugen. Wie übersetzt man das? „Es ist ein Zeit-Raubzug“ -? Jedenfalls ist alles besser als „Zeit-Hops“. Wer lässt sich ein sinnlos-infantiles Wort wie „Zeit-Hops“ einfallen? Es geht darum, durch einen Quanten-Raum die Zeit zu überlisten um die Infinity-Steine zu stehlen, etwa wie Oceans 11 Sicherheitsvorrichtungen überlisten um Diamanten (oder so) zu stehlen.

An anderen Stellen ist es nicht von so entscheidender inhaltlicher Bedeutung, aber dennoch Sinn-entstellend. „Thanos has a retirement place“ kann man übersetzen mit „Thanos hat einen Alterssitz“. Aber man übersetzt es nicht mit „Thanos ist also ein Schrebergärtner“. Nach vollendetem Werk setzt sich der Titan zur Ruhe. Das war die zu treffende Aussage.

Beim 2. mal sehen viel mir auf, dass ich War-Mashine akustisch falsch verstanden habe, er sagt nicht „retirement place“ er sagt „retirement plan“. „Thanos hat eine Ruhestands-Plan“. Sorry about that, aber es bestätigt noch was ich meine! Das ist wichtig, weil es unterstreicht, dass Thanos nicht aus Eigennutz handelt, sondern ein Fanatiker ist, die finale Konsequenz der Politik, der Terrorist, welcher die Welt – in seinem Fall das gesamte Universum, denn er ist ein Titan – nach seiner Vorstellung gestalten will, da er von sich glaubt, zu wissen, was für alle das Beste sei und welche Opfer das wert wäre!

Es gibt noch mehr Stellen dieser Art. „Hat jemand von Euch Quantenphysik studiert“ – wie dummdeutsch-spießig ist das denn ausgedrückt? Es fügt sich sogar in der deutschen Sprache nur in diese Latte-Macchiato-Akademiker-Piefkerei! Man kann nämlich Quantenphysik gar nicht studieren, man kann nur Physik studieren und dabei das Feld oder Fachgebiet Quantenphysik. Die richtige Formulierung wäre also auch auf Deutsch gewesen „Versteht jemand von Euch etwas von Quantenphysik“ oder „Hat jemand von Euch eine Ahnung von Quantenphysik“, dann nämlich macht auch Black Widow’s Antwort „Nur so viel um mitzureden“ Sinn. Usw. Anglistik studieren bedeutet noch nicht den Gehalt dessen zu erfassen, was man übersetzt.

Dunque: Wer kann sehe sich „Endgame“ im Original an.

IV

„Und wir sollen nicht vergessen, dass jeder Sieg auch eine Niederlage ist!“ lässt Pier Paolo Pasolini Orest in seinem „Pilades“ sagen. Das bezieht sich eigentlich auf die gesellschaftliche Dialektik, vor allem den Klassenkampf. Was geschieht mit den Verlierern? Wie leben sie weiter, wie verhalten die Gewinner sich ihnen gegenüber.

Es ist aber auch ein Ding in sich. Der Sieg löst immer etwas ab, durch das sein Anstreben überhaupt erst erzeugt wurde.

Die Avengers-Initiativ endet mit dem Tod des Thanos.

V

Marvel gehört nicht mehr sich selbst, sondern ist jetzt dem Oberkommando des Hollywood-Monopolisten Disney-Konzern unterstellt.

Es lässt sich über viele Gedanken und Gerüchte lesen, was als nächstes geplant, geplant und verworfen etc. wird. Welche Geschichten für das Kino aufbereitet werden. Welche Personen in Zukunft mitmachen werden. Angelina Jolie ist im Gespräch. Das lässt schlimmes ahnen. Der Name lässt an feindliche Übernahme denken. Angelina Jolie bei Marvel ist wie Heiko Maas im Außenministerium. Aalglatt, die moralisch unangreifbaren Sprüche als Tarnung für nicht das, was man von den Sprüchen ableiten mag. Jolie und Maas haben Essenzielles gemeinsam: sie verstehen es beide, sich in eine linke, progressive Aura zu hüllen und darin erz-reaktionärste Herrschaftssicherung zu betreiben. Jolie besucht Flüchtlingslager und hält Reden über deren Elend während sie jeden Krieg legitimiert, der dieses Elend verursacht.

Mir ist bereits an „Cloak & Dagger“ aufgefallen, dass massive Veränderung des Materials vorgenommen wurden. Es stimmen äußerliche Elemente überein, aber die Serie erzählt eine völlig andere Geschichte mit gänzlich anderen Charakteren und vollkommen anderer Aussage. Und ich frage mich: kann die Geschichte, die in den 80ger Jahren Wirkung hatte heute überhaupt noch von jüngeren Menschen, die ja das Zielpublikum der Serie sind, verstanden, nachvollzogen werden? Erzählt sie von Dingen, die in der aktuellen Realität nur noch Erinnerung sind? Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht beurteilen. Nun, man kann mit den selben Elementen unterschiedliche Geschichten erzählen und es stellt sich die Frage nicht, welche davon die richtige und welche die falsche ist. Wichtig ist nur, wer warum zuhört und was die Geschichte ihm/ihr zu sagen hat.

„Endgame“ verabschiedet das 20.Jahrhundert, seine Ideen, Vorstellungen, Wege. Was darauf folgt? Die nächste Generation. Mehr nicht. Durchbricht sie den Kreislauf der ewigen Wiederkehr?

Avengers Endgame